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Geständnisse eines Hackers | HNF Blog
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January 9, 2026 at 9:04 AM
Rezension: Evke Rulffes – Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung http://geschichts-blog.blogspot.com/2026/01/rezension-evke-rulffes-die-erfindung.html
Rezension: Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung
Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass die Hausfrau als Ideal der bürgerlichen Gesellschaft eine soziale Konstruktion ist, die in früheren Epochen kein Äquivalent besitzt (und mangels einer bürgerlichen Gesellschaft auch nicht haben kann). Die Ubiquität der Hausfrau als Bezugspunkt weiblichen Rollenverständnisses vor allem im 19. und 20. Jahrhundert macht eine Beschäftigung mit ihren Ursprüngen umso interessanter. Wie so oft in der Geschichte ist die Annahme, dass etwas, das in einem Jahrhundert seine Blüte erlebte, seine Ursprünge im Jahrhundert davor besitzt, eine durchaus stabile. Evke Rulffes Werk über die "Erfindung der Hausfrau" ist deswegen im 18. Jahrhundert verortet und betrachtet die Entwicklung einer spezifischen geschlechtlichen Arbeitsteilung, wie sie für unsere Gesellschaften fundamental werden sollte und im 21. Jahrhundert mehr und mehr in die Kritik gerät. Da man immer wissen sollte, woher man kommt, wenn man irgendwo hin geht, macht diese Beschäftigung auch großen Sinn. Im **Vorwort** "_Liebe geht durch den Magen_ " erklärt Rulffes ein ein blühendes literarisches Genre des 18. Jahrhundert, die Ratgeberliteratur für "Hausväter" und "Hausmütter", also die Vorstände eines (ländlichen) Haushalts. Diese waren auch deswegen bemerkenswert, weil sie zum ersten Mal in männliche und weibliche Pendants geteilt wurden. Vorher war die Aufgabenteilung noch nicht so explizit gewesen (nicht, dass es keine gegenderte Arbeitsteilung gegeben hätte!); zudem ist der Bezug auf die häusliche Sphäre interessant, der ja das wichtige Feld für eine Geschichte der Hausfrau ist. In **Kapitel 1** , "_Vom Beruf zur Bestimmung_ ", zeichnet Rulffe genau diese Verschiebung in die häusliche Sphäre nach. So waren die mittelalterlichen Zunftrollen noch voll von Handerwerkerinnen, die eigenständig Geschäfte führten, was Rulffe unter anderem auf die wesentlich "dynamischeren" Familienverhältnisse zurückführt (dynamisch im Sinne höherer Sterblichkeiten und daher Brüchen in den Familienstrukturen). Die Professionalisierung führte aber zu einer zunehmenden Verdrängung der Frauen: wo immer ein vormales "freies" Gewerbe durch neue Techniken verbessert und damit auch professionalisiert wurde, verdrängten Männer die Frauen. Auch der Aufstieg des Staates wirkte als Bremse für weibliche Partizipation: eine Beamtenkarriere ließ, anders als die eines Handwerks- oder Handelsmeisters keine Vertretung durch die Frau zu, die für die erstgenannten Professionen essenziell gewesen war. Der absolutistische Staat habe so Anreiz- und Vorbildstrukturen geschaffen, die auch die handwerkliche Oberschicht nachzuahmen versuchte, so dass der Handwerksbetrieb, der die Familie ohne die Mitarbeit der Frau ernährte, zum Ideal wurde. Entscheidend für die neue Moral sei aber die Reformation gewesen. Diese Strömungen weist Rulffe in der nun auftretenden und die antiken (für Deutschland ohnehin unbrauchbaren) Versionen der Hausväterliteratur beständig nach. In diesem Kapitel legt sie dafür einige Grundlagen. Die Hausväterliteratur nahm als "Fiktion" den ländlichen Familienbetrieb, dem explizit auch das Gesinde zugehörig war. Es findet also eine starke Klassenteilung statt; "Hausvater" und "Hausmutter" sind daher nicht automatisch alle männlichen oder weiblichen Haushaltsmitglieder, vielmehr handelt es sich hier um eine Art von Beruf. Diese Annahme liegt der ersten Hausväterliteratur auch zugrunde, die stark ökonomisch ausgerichtet war und die Ehelehre zunächst ausklammerte; diese Werke verstanden sich als Anleitungen für das Führen eines Haushalts im ökonomischen Sinne und richteten sich daher an beide Geschlechter. Auch die Ausgrenzung der Frauen aus der Bildung spielt für Ruffle eine wichtige Rolle; das Idealbild einer Frau ist schweigend. Gelehrte Frauen, die in "Männergesprächen" mithalten konnten, galten als peinlich. Da das aufstrebende Bürgertum sich dezidiert von den Religionen abgrenzte, brauchte es neue Begründungen für diese Trennung. Die Geschlechtsunterschiede wurden nun zunnehmend als "natürlich" definiert und nicht mehr als ein Werk der gesellschaftlichen Ordnung. Das **zweite Kapitel** , "_Die Hausmutter - Herrin des Hauses_ ", stellt die Hausmutter ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ruffle betont, dass es sich dabei um einen "Herrschaftsbegriff" gehandelt habe; die Hausmutter des 18. Jahrhunderts hat nichts mit dem später pejorativ verwendeten "Hausmütterchen" gemein. Sie war vielmehr die Chefin eines Betriebs mit mehreren Angestellten, der große Verantwortung zukam. Dazu trug auch die Ökonomisierung, Rationalisierung und Modernisierung der Landwirtschaft bei, die diese zu einem Bereich machte, der zunehmend eine Untersuchung, Erklärung und Anleitung erforderte. Der Aufstieg des Nationalismus (und der ökonomischen Lehre des Merkantilismus) führte zudem die Kategorie der patriotischen Hausmutter ein, die auf den Konsum ausländischer Waren verzichtete und so auch zur nationalen Wohlfahrt beitrug, indem sie ihren Haushalt "patriotisch" und damit sparsam führte. Dies sei mit einer Verklärung des Landelebens einhergegangen. Rulffe betont immer wieder, dass die Hausmütterliteratur ein Ideal beschrieb, nicht die Realität abbildete (was sie explizit als Trend der Ratgeberliteratur bis heute ausmacht). Die Idee der "sturen Bauern", denen der Gelehrte das richtige Wirtschaften beibringen müsse, zieht sich durch diese Werke. Dementsprechend ist das Ideal der Autarkie des Haushalts auch vor allem das, ein Ideal, weniger die ökonomische Realität dieser Haushalte. Zudem weist Rulffe darauf hin, dass das beschriebene Ideal vor allem für den Haushalt eines Landpfarrers und seine Frau funktionierte - wenig überraschend also den der privilegierten Autoren solcher Literatur. Entsprechend sind die Ratschläge häufig grotesk unpraktisch (man solle etwa Milch in kaum zu reinigenden Holztrögen zubereiten statt in leichter zu waschendem Steingut). Generell war die Wissensvermittlung in diesen Werken mit Vorsicht zu genießen. Die Hausmutter war nicht die tätige Frau im Haushalt, sondern leitete vielmehr das Gesinde an, das grundsätzlich knapp gehalten und ständig gegängelt wurde. Geradezu humoristisch wird der theoretische Zugang bei den Kochrezepten, in denen meist wesentliche Zwischenschritte und Mengenangaben fehlten - einerseits, weil die Autoren keine Ahnung davon hatten, andererseits aber auch, weil die Hausmutter nicht selbst k0chte, sondern das Gesinde anleitete und kontrollierte. Um das Essen geht es dann verstärkt in **Kapitel 3** , "_Essen macht Leute_ ". Die Ratgeberliteratur war voll von Hinweisen auf das standesgemäße Essen. Die aufkeimende bürgerliche Gesellschaft durfte nämlich nicht den höfischen Geschmack imitieren. Nicht nur war dieser absurd luxuriös und teuer (und widersprach damit dem patriotischen Sparsamkeitsideal), er pflegte auch komplett andere Sitten, etwa die Betonung der Präsentation des Essens gegenüber seinen geschmacklichen Qualitäten (so war das Fleisch auf höfischen Banketten gerne so drapiert, dass noch das Originalfederkleid der Vögel dran war, aber es war nicht eben gut durch). Für die Hausmütter werden stattdessen ganz andere Normen präsentiert. Das Essen hat sich zwar gegenüber den unteren Schichten (und da reden wir immer noch von 80% der Bevölkerung) abzugrenzen, aber gleichzeitig eben auch nach oben. Wenig Würze (betont wird der "natürliche Geschmack", der in höfischen Gerichten bewusst verdeckt wird), erkennbare Zutaten und vor allem Fülle gelten hier als essenziell (so muss die Butter immer frisch sein; keinesfalls dürfen Reste aufgetischt werden). Eine bürgerliche Repräsentationskultur wird also deutlich. Rulffe verwendet auch einige Aufmerksamkeit auf das Gesinde. Dieses wird von der Hausmutter deutlich an der Kandare gehalten, da man grundsätzlich annimmt, dass es betrügt, faul ist und stiehlt. Man kann es ihm nachsehen: die Ratgeberliteratur lässt es explizit extrem minderwertige Nahrung bekommen und unterwirft es permanenter, auch sozialer, Kontrolle. Nur zur Erntezeit gibt es kräftigeres Essen, allerdings allein aus ökonomischen Gründen: nur gut genährte Knechte können die knochenbrechende, auszehrende Arbeit leisten. Zudem spielt der Alkohol als Motivation eine große Rolle: die gewaltigen Mengen Gebranntes, die damals konsumiert wurden, spotten jeglicher Alkoholikerdiskussion heute Hohn. **Kapitel 4** , "_Die Mutter als gute Staatsbürgerin_ ", zeigt einen ersten, entscheidenden Wandel im Bild der Hausmutter als Vorsteherin eines landwirtschaftlichen Unternehmens auf. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog ein deutlich moralisierender Ton in die Hausmütterliteratur, der sich vor allem in der Rolle der Frau als Mutter niederschlug. Diese hatte nun für den Staat Kinder zu gebären und diese ordentlich zu erziehen. Erstmalig wurden Anforderungen an die Mutter gestellt, die Kinder fürsorglich und liebevoll zu umsorgen - und zwar selbst, den Job also nicht mehr an Ammen abzugeben, denen grundsätzlich misstraut wurde. Gleichzeitig wurde von ihr erwartet, ein gewaltiges Arbeitspensum zu leisten und zunehmend auch selbst Arbeit im Haushalt auszuführen, um Geld für Bedienstete zu sparen. Diese Doppelbelastung war offensichtlich nicht durchzuhalten und dürfte zu einem erheblichen, zerstörerischen Druck auf die Frauen geführt haben. In jedem Fall verschob er sie mehr und mehr in die häusliche Sphäre, denn die moralisch aufgeladenen, "natürlichen" Mutterschaftspflichten und im gleichen Atemzug behaupteten Mutterinstinkte waren grundsätzlich mit einer Teilnahme am ökonomischen Leben und einer mit Männern gleichrangigen Rolle in der Gesellschaft unvereinbar. Aus der Partnerin des auf dem Felde tätigen Hausvaters wurde nun zunehmend die Hausfrau, wie wir sie heute kennen. Diese Entwicklung findet in **Kapitel 5** , "_Von der Herrin im Haus zur Dienerin am Mann_ ", ihren Abschluss. Je weiter sich die neuen bürgerlichen Moralvorstellungen ausbreiteten, desto weniger war die Rolle der Hausfrau die einer Hausmutter: die Vorsteherin eines häuslichen Betriebs, die eine Reihe von Fähigkeiten besitzen musste und wichtige Entscheidungen traf. Stattdessen betonte die Ratgeberliteratur (und natürlich eine ganze Reihe anderer Quellen) mehr und mehr ihre Rolle als Dienerin am Mann: sie erfüllte keine eigene Funktion, sondern war quasi seine natürliche Ergänzung. Dazu gehörte auch, dass bürgerliche Repräsentationsvorstellungen sich ebenfalls ausbreiteten und ganz neuen Druck erzeugten: kleine Beamte konnten sich diese Repräsentation eigentlich nicht leisten, weswegen das Vortäuschen eine wichtige Funktion von Frauen wurde. Obwohl massive Arbeit hinter der Repräsentation steckte, durfte diese nicht sichtbar sein. Gleichzeitig wurde das alles als "natürlich" verbrämt und auch rechtlich kodifiziert, weswegen Frauen immer mehr Rechte verloren, etwa im BGB, wo sie zu rechtlichen Anhängen ihres Mannes wurden. Der **Schluss** , "_Das bisschen Haushalt? Für mehr Anerkennung, Geld und Solidarität_ ", enthält ein Plädoyer nicht so sehr für die Rückkehr von Dienstbot*innen, sondern, wie der Titel bereits sagt, für mehr Anerkennung von Hausarbeit als Arbeit und nicht in als Hobby. --- Insgesamt fand ich Rulffes Buch sehr lehrreich. Weder war mir vorher bekannt, welche Rolle die Hausväter- und Hausmütterliteratur spielte, noch kannte ich viele Details über die Lebensrealität der Menschen im 18. Jahrhundert, die sie hier auflistet (mein Favorit bleibt der Ratschlag, die Maden vor dem Auftischen aus dem Käse zu nehmen, weil zwar alle wüssten, dass Maden im Käse unvermeidlich seien, es aber wenig appetitlich sei, wenn diese aus dem Käse in andere Speisen springen). Mir bleibt aber eine gewisse Grundskepsis, wo die normative Ebene hinzukommt. Denn wie Rulffe selbst immer wieder betont, stellte diese Literatur ein Ideal dar. Auch für den Umgang mit dem Mittelalter scheint mir der Zugang recht wenig quellenkritisch zu sein. Deswegen bleibe ich gegenüber der Idee, dass sich die gesellschaftliche Rolle der Frau zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert verschlechtert habe, skeptisch. Das liegt vermutlich auch daran, dass sich der wissenschaftliche Fokus des Buches immer wieder mit der allgemeinen Darstellung verheddert: einerseits ist die Konzentration auf die Hausmütter eine, die eine recht schmale Oberschicht der nicht-adeligen Bevölkerung betrifft, ein Fakt, auf das Rulffe auch immer wieder aufmerksam macht. Gleichzeitig bedingt die Konzentration auf die Entstehung und Ausbreitung eines bürgerlichen Archetypus die Exklusion breiter Bevölkerungsschichten. Mir kommt daher die Ausbreitung dieses Ideals im 19. Jahrhunderts und der Wandel durch die "Verbürgerlichung" der Gesellschaft etwas zu kurz. Der Fokus sorgt auch dafür, dass die massive Beschleunigung und radikale Zuspitzung dieses Wandels in der Nachkriegsgesellschaft ("nivellierte Mittelstandsgesellschaft", _anyone_?) weitgehend außen vor bleibt, gleichzeitig aber in den normativen Setzungen immer wieder auftaucht, die sich unangenehm mit dem objektiv-wissenschaftlichen Grundton beißen. Aber das sind relativ unbedeutende Faktoren. Das Buch ist insgesamt für die Geschichte der Geschlechterrollen im Bürgertum und damit für unsere heutige Gesellschaft unverzichtbar. Wir müssen verstehen, woher wir kommen, wenn wir einen Weg in die Zukunft bauen wollen.
geschichts-blog.blogspot.com
January 8, 2026 at 8:07 PM
Bewerbungen für das VdA-Mentoring-Programm 2026 ab sofort möglich https://archivamt.hypotheses.org/29049
Bewerbungen für das VdA-Mentoring-Programm 2026 ab sofort möglich
Im vergangenen Sommer wurde bereits davon berichtet (2026 startet erstmals ein Mentoring-Programm unter dem Dach des VdA – archivamtblog), dass Anfang 2026 die Bewerbungsformulare für interessierte potentielle Mentor:innen und Mentees bereitgestellt werden. Dies ist nun der Fall. Auf VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.: Über den Arbeitskreis können die entsprechenden Bewerbungsformulare im pdf-Format heruntergeladen, ausgefüllt und an den VdA-Arbeitskreis Mentoring unter [email protected] zurückgeschickt werden. Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 31. Mai 2026. Beim Mentoring unterstützt eine erfahrenere Person (Mentor:in) eine weniger erfahrenere Person (Mentee) in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung. Im Fokus steht der vertrauensvolle Austausch, wodurch Mentees Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, ihre persönlichen Ziele schärfen oder praktische Hilfe im Arbeitsalltag erhalten können. Der AK Mentoring möchte diese Form der Unterstützung insbesondere für Berufsneulinge (alle, die sich noch in Ausbildung oder in den ersten 5 Jahren ihrer archivarischen Tätigkeit befinden) anbieten. * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Stefan Schröder (8. Januar 2026). Bewerbungen für das VdA-Mentoring-Programm 2026 ab sofort möglich. _archivamtblog_. Abgerufen am 8. Januar 2026 von https://archivamt.hypotheses.org/29049 * * * * * * * *
archivamt.hypotheses.org
January 8, 2026 at 2:37 PM
“Man erhält oft besonders gezielte und detaillierte Unterstützung”– Feldman Fellows Revisited mit Qi Zhang https://gab.hypotheses.org/20247
“Man erhält oft besonders gezielte und detaillierte Unterstützung”– Feldman Fellows Revisited mit Qi Zhang
gab.hypotheses.org
January 8, 2026 at 10:23 AM
Stolpersteinführung durch die Limburger Innenstadt
**Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker erinnert an Opfer des Nationalsozialismus**. Gemeinsam mit einer Klasse der Adolf-Reichwein-Schule hat Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker eine Stolpersteinführung durch die Limburger Innenstadt durchgeführt. Dabei wurden verschiedene der mittlerweile insgesamt 134 verlegten Stolpersteine in Limburg besucht und die dahinterstehenden Lebensgeschichten der Opfer des Nationalsozialismus erläutert. Die Führung verdeutlichte, wie wichtig es ist, die Erinnerungskultur insbesondere bei der jüngeren Generation aufrechtzuerhalten, gerade in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt. _Abb.: Im Rahmen eines gemeinsamen Rundgangs mit einer Klasse der Adolf-Reichwein-Schule stellte Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker ausgewählte Schicksale von Menschen vor, an die mit den derzeit insgesamt 134 verlegten Stolpersteinen erinnert wird (Foto: Stadt Limburg)._ Während der Führung wurden unter anderem die drei Stolpersteine am Neumarkt 1, heute vor dem Geschäft Vohl & Meier, thematisiert. Sie erinnern an die jüdische Kaufmannsfamilie Löwenberg. Emmy Löwenberg heiratete 1901 den Limburger Kaufmann Moritz Löwenberg und war Mitbesitzerin des Hauses und der Firma am Neumarkt. Sie engagierte sich im Israelitischen Frauen-Verein Limburg. Nach einer schweren Erkrankung wurde sie 1942 aus einer Heil- und Pflegeanstalt von der Gestapo verhaftet, nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Ihr Ehemann Moritz Löwenberg gründete 1897 in Limburg das Kaufhaus G. Löwenberg, eines der größten seiner Art in der Stadt. Nach Boykotten, der Zerstörung des Geschäfts am 9. November 1938 und massiven Zwangsmaßnahmen musste er Limburg verlassen. 1941 wurde er nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und kam dort ums Leben. Die Tochter Ilse Löwenberg arbeitete nach ihrer Ausbildung im elterlichen Geschäft und war unter anderem für den Einkauf und die Schaufensterdekoration verantwortlich. Eine geplante Auswanderung kam nicht mehr zustande. Sie wurde 1941 gemeinsam mit ihrem Vater deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Das Projekt Stolpersteine, initiiert vom Künstler Gunter Demnig, erinnert mit kleinen Messingtafeln im Gehweg an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die Steine werden vor den letzten frei gewählten Wohn- oder Wirkungsstätten der Opfer verlegt und holen die Erinnerung bewusst in den Alltag zurück. Dr. Christoph Waldecker hob im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern die persönliche Bedeutung der Erinnerungsarbeit hervor: „Es ist immer sehr berührend, wenn Verwandte der Opfer Kontakt aufnehmen, um mehr über die Vergangenheit und die Geschichte der Vorfahren zu erfahren. Sowohl die Stolpersteine als auch Dokumente über die Familiengeschichte im Stadtarchiv rufen bei den Verwandten der Opfer große Emotionen aus und zeigen deutlich, wie wichtig diese Erinnerungsarbeit ist.“ In den nächsten Jahren werden weitere Stolpersteine in Limburg verlegt. Die Führung machte einmal wieder mehr deutlich, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und ihre Geschichten weiterzugeben, als Mahnung und als Verantwortung für die Zukunft. _Kontakt:_ Stadtarchiv Limburg Mühlberg 3 65549 Limburg a. d. Lahn Tel. 06431/203-368 [email protected] _Quelle:_ Stadt Limburg, Pressemitteilung, 18. Dezember 2025.
www.augias.net
January 7, 2026 at 11:11 AM
In der Werkstatt. Gerhard Richter. Ein Film von Hannes Reinhardt https://gra.hypotheses.org/6621
In der Werkstatt. Gerhard Richter. Ein Film von Hannes Reinhardt
**Das Gerhard Richter Archiv an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hat 2008 den Dokumentarfilm »In der Werkstatt. Gerhard Richter« herausgegeben. 1 Der Film ist aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Zum einen weil sich ein Filmteam bereits 1969 für Gerhard Richter interessierte, zum anderen weil der Künstler die Kamera beim Malen des Landschaftsbildes »Ruhrtalbrücke« (228) zugelassen hat.2** Filmstills “In der Werkstatt. Gerhard Richter” © Gerhard Richter 2019 (26042019), courtesy Gerhard Richter Archiv Dresden Produziert wurde der Film für das Kulturmagazin »Prisma« des Vereins InterNationes. Das Magazin stellte Ereignisse und Personen aus Musik, Kunst, Architektur und Theater in der damaligen Bundesrepublik vor und die Beiträge wurden über die Goethe-Institute weltweit vertrieben.3 Für diese Filmreihe führte der Regisseur Hannes Reinhardt zahlreiche Interviews, so 1967 mit dem Maler Oskar Kokoschka und 1968 mit der Opern- und Konzertsängerin Erna Berger. Ein Jahr später kontaktierte er Gerhard Richter. Wie Reinhardt auf den Maler aufmerksam wurde, ist nicht bekannt. Eventuell war es die Empfehlung eines Galeristen, vielleicht aber auch der dem Künstler vorauseilende Ruf. So prophezeite das Magazin »Der Spiegel« ihm bereits 1968 einen »Vorderplatz in der deutschen Mal-Avantgarde«4. Seine Werke wurden in zahlreichen innerdeutschen Gruppen- und Einzelpräsentationen aber auch in Rom, Den Haag, Brüssel, Paris und New York ausgestellt und überregional besprochen. Gewiss ist nur, dass Reinhardt den damals 37-jährigen Richter für sein Projekt gewinnen konnte – einen Maler, der durch seinen künstlerischen Werdegang in Ost- wie Westdeutschland sowohl das handwerkliche Können als auch die malerische Erfahrung für den Film mitbrachte. Gerhard Richter studierte von 1952 bis 1956 Wandmalerei bei Heinz Lohmar an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Im März 1961 verließ Richter die DDR und schrieb sich an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf für ein zweites Malereistudium bei Ferdinand Macketanz, später bei Karl Otto Götz ein.5 Bei seiner Suche nach einer neuen Form- und Bildsprache, fernab des Sozialistischen Realismus, näherte er sich dem Informel, entdeckte aber früh vor allem die Malerei nach Fotografien für sich.6 _»Ich hatte die Scheißmalerei satt, und ein Foto abzumalen erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischste, was man machen konnte_._«_ 7 Weniger polemisch schrieb er 1972 _»Es hatte keinen Stil, keine Komposition, kein Urteil, es befreite mich vom persönlichen Erleben, es hatte erstmal gar nichts, war reines Bild. Deshalb_ _wollte ich es haben, zeigen – nicht als Mittel für eine Malerei benutzen, sondern die Malerei als Mittel für das Foto verwenden.«_ 8 Fortan malte er Fotos mit Ölfarbe auf Leinwand, wandte sich der Landschaft, dem Porträt sowie dem Stillleben zu und entdeckte eine neue gegenständliche Malerei für sich.9 In den 1960er Jahren _»war das etwas provokant«_ , so Gerhard Richter rückblickend, da die klassischen Maltechniken und Bildgattungen in der BRD eine untergeordnete Rolle spielten.10 So fand Hannes Reinhardt in Richter einen skeptischen Künstler; skeptisch gegenüber seiner Kunst, seiner Wahrnehmung und dem Bild als Ausschnitt der Wirklichkeit. Das dramaturgische Konzept des Films ist geradlinig. Die Kamera von Ricci Weihmayr folgt dem Künstler im beengten Düsseldorfer Atelier in nahen und halbnahen Einstellungen. Die einzelnen Filmsequenzen werden durch harte Schnitte getrennt. Eine peitschende Musik und der sachliche Kommentar aus dem Off von Jürgen Fickel geben dem Film seine oszillierende Dynamik, mit der wichtige Malschritte beschrieben und sich wiederholende zeitlich gerafft werden. So wird der reale Entstehungsprozess des Bildes auf das kurzweilige Sendeformat von 13:35 Minuten zusammengefasst. Die Figur des Künstlers bleibt dem Film über konsequenterweise stumm. Doch inszeniert der Regisseur den Maler als modernen Cowboy, der als Suchender einsam über staubige Feldwege fährt, seine Umgebung durch die Kamera kritisch mustert und seine Fotos “schießt”. Am Ende verlässt er rauchend, die Jacke lässig über die Schulter geworfen das Atelier und entschwindet mit seinem Wagen wortlos der Szenerie. Damit greift Reinhardt Erzählelemente des damals populären Italo-Westerns auf, der mit den legendären Filmen Sergio Leones wie »Für eine Handvoll Dollar« (1964) oder »Spiel mir das Lied vom Tod« (1968)11 die Heldenfiguren der Hollywoodwestern konterkarierte. An ihre Stelle trat der fehlbare Antiheld, der das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ernsthaft hinterfragte.12 **»Was soll ich malen, Wie soll ich malen?« 13** Mit der Hinwendung zur Fotografie stellte sich diese Frage für Gerhard Richter Mitte der 1960er Jahre nicht mehr. Für seine ersten Landschaften »Große Sphinx von Gise« (46) und »Kleine Pyramide« (48-1) griff Richter noch auf Schwarz-Weiß-Abbildungen aus Reiseführern als Vorlage zurück. 1968 begann er Landschaften nach eigenen Aufnahmen aus Urlauben und vom Düsseldorfer Umland zu malen. Dabei bevorzugte er den Panoramablick mit niedrigen, zumeist flachen Horizontlinien und weiten freien Himmelsflächen. Unweigerlich erinnern sie an die Werke des Dresdener Romantikers Caspar David Friedrich.14 Wie Friedrich ist Richter kein Anhänger der Pleinairmalerei. Richter fotografiert seine Motive, wählt eine von vielen Aufnahmen als Vorlage aus und malt die Landschaft im Atelier. 1972 erklärt er seine Herangehensweise wie folgt: _»Aber ich brauchte das objektivere Foto, um meine Sehweise zu korrigieren: wenn ich z. B. einen Gegenstand nach der Natur zeichne, fange ich an zu stilisieren_ _und ihn so zu verändern, wie es meiner Anschauung und meiner_ _Vorbildung entspricht. Wenn ich aber ein Foto abmale, kann ich die ganzen Kriterien dieser Vorbilder vergessen und sozusagen gegen meinen Willen malen.«_ 15 Diese objektive Herangehensweise inszeniert Hannes Reinhardt sehr eindringlich im Vorspann des Films: Ein Maler fährt mit dem Auto durch die rheinländische Landschaft. Es ist 16 Uhr und die Sonne steht tief, sodass die flache Ackerlandschaft mit der damals neu gebauten Autobahnbrücke bei Essen-Mühlheim im diffusen Licht liegt. Mit der Spiegelreflexkamera “bewaffnet”, steigt Richter aus dem Wagen. Er fokussiert auf den Horizont und drückt den Auslöser. Kaum ist das Motiv fixiert, ist der Vorspann abgelaufen und Richter steht bereits am Fenster seines Düsseldorfer Ateliers und hält das entwickelte Foto und ein Diapositiv prüfend gegen das Tageslicht.16 Hannes Reinhardts Film ist ein unterhaltsames Kammerspiel. Für Kuratoren und Restauratoren ist er indes ein wichtiges Zeitdokument, das den Malprozess der realistischen Bilder nach Fotografien bewahrt. **1** Gerhard Richter. Das Kölner Domfenster. Ein Film von Corinna Belz, mit Bonusfilm »In der Werkstatt: Gerhard Richter (1969)«, DVD, zero one film GmbH, 2008. **2** Vgl. Dietmar Elger: Das gemalte Photo. Gerhard Richter im Atelier, in: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, Ausst.- Kat. Bucerius Kunstforum Hamburg 2011, hg. v. Uwe M. Schneede, München 2011, S. 60–69, hier S. 63 f. **3** Der 1952 gegründete Bonner Verein diente der politischen Rehabilitierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Anliegen war es, Deutschland als Kulturnation neu zu definieren; vgl. Hans J. Hahn, Inter Nationes, in: Encyclopedia of Contemporary German Culture, hg. v. John Sandford, London 1999, S. 315; Booklet, in: Richter 2008, S. 3. **4** Richter. Wenn’s knallt, in: Der Spiegel, Nr. 34 v. 19.8.1968, S. 90. **5** Vgl. Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, Köln 2018, S. 45. **6** Gerhard Richter, Notizen, 12.10.1986, in: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, hg. v. Dietmar Elger, Hans Ulrich Obrist, Köln 2008 (künftig zitiert: Richter Text 2008), S. 163. **7** Gerhard Richter, Notizen, 1964 (–1967), in: ebd., S. 21. **8** Gerhard Richter im Interview mit Rolf Schön 1972, in: ebd., S. 59. **9** Gerhard Richter, Notizen, 12.10.1986, in: ebd., S. 163. **10** Zit. nach Gerhard Richter. Dieter Schwarz – ein Interview, Köln (im Druck), S. 16, 27. **11** Der Film kam 1969 in die deutschen Kinos. Nicht zuletzt wegen der leitmotivischen Filmmusik von Ennio Morricone könnte der Kultfilm Hannes Reinhardt für seinen Richter-Beitrag als Vorlage gedient haben. **12** Vgl. Jürgen Müller, Steffen Haubner, Walk on the wild side. Anmerkungen zum Kino der 60er Jahre, in: Jürgen Müller (Hg.), Filme der 60er, Köln 2004, S. 4–17, hier S. 6, 10; Harald Keller, Für eine Handvoll Dollar, in: ebd., S. 206–209. **13** Gerhard Richter, Notizen, 12.10.1986, in: Richter Text 2008, S. 163. **14** Gerhard Richter, Brief an Jean-Christophe Ammann, 1973, in: ebd., S. 72. **15** Gerhard Richter im Interview mit Michael Sager, 1972, in: ebd., S. 64. **16** Bis 1980 liegen selbst den abstrakten Bildern Richters Fotos und Skizzen zugrunde. Beiden Medien kam eine den Künstler disziplinierende Funktion zu. **Textauszug vgl.:** Kerstin Küster, Zur Maltechnik von Gerhard Richter am Beispiel der “Ruhrtalbrücke” von 1969, in: _Maltechniken,_ Dresdener Kunstblätter 3/2019, S. 48-55. Das Magazin ist auch erhältlich in unserer Buchhandlung Walther König im Albertinum. **Dieser Film ist im Rahmen der Ausstellung “20 Jahre Gerhard Richter Archiv. Werke, Materialien, Kuriosa” bis zum 18. Januar 2026 im Lichthof des Albertinum zu sehen.** * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Kerstin Küster (7. Januar 2026). In der Werkstatt. Gerhard Richter. Ein Film von Hannes Reinhardt. _GERHARD RICHTER ARCHIV_. Abgerufen am 7. Januar 2026 von https://gra.hypotheses.org/6621 * * * * * * * *
gra.hypotheses.org
January 7, 2026 at 10:31 AM
#MWSInterns: Mit Quint am DIJ Tokyo
gab.hypotheses.org
January 7, 2026 at 10:22 AM
CfP: Workshop „Bilder der Reformpädagogik und der Jugendbewegung“ https://visual-history.de/2026/01/07/cfp-workshop-bilder-der-reformpaedagogik-und-der-jugendbewegung/
CfP: Workshop „Bilder der Reformpädagogik und der Jugendbewegung“ | Visual History
visual-history.de
January 7, 2026 at 10:09 AM
Hausherr in Würzburg? Vitus Zierer und Margaretha Mohr V https://hexeninwue.hypotheses.org/5869
Hausherr in Würzburg? Vitus Zierer und Margaretha Mohr V
Die hier zusammengetragenen Beschuldigungen gegen Hausherr sind nicht von Zierer geschrieben, beruhen aber inhaltlich auf seinen Berichten aus Gerolzhofen. Vieles ist daher schon bekannt wie der Vorwurf, dass die Verhöre erst morgens um neun anfangen, der Amtmann kaum teilnimmt und man sich vorher besäuft. Eine neue Information ist die häufige Anwesenheit des Zentschöffen aus Zeilitzheim, der oft besoffen ist und außerdem lutherischer Konfession (was nicht verwunderlich ist, da Zeilitzheim ein Ort der Fuchs von Bimbach war). Anhoerung StAW Miscellanea 2884 fol. 87r_89v Transkription Anhoerung StAW Miscellanea 2884 fol. 87_89v Neu ist auch die Aussage, ein Hans Göcker aus Alitzheim (ein Zentschöffe?) habe in Abwesenheit des Zentgrafen foltern lassen und damit hinterher im Wirtshaus angegeben. (In StadtAW, Ratsbuch 409, erscheint im Sommer 1616 mehrfach ein Stadthauptmann Hans Göcker bei den Verhören.) Hausherr selbst brüste sich damit, heißt es, an einem einzigen Tag drei Folterverhöre durchführen zu können. Seine Formulierung dafür („fertigmachen“) sei in Gerolzhofen zum geflügelten Wort geworden, heißt es unter Punkt 6. Auch der Vorwurf, Zeugen würden Aussagen unterschreiben, bei denen sie gar nicht dabei gewesen waren (oder geschlafen haben), wird wiederholt. In Punkt 7 heißt es, Hausherr habe die alte Frau Carl gegen ergangenen Befehl gefoltert und dies hinterher zu vertuschen gesucht. Punkt 14 zeigt, dass der Vorwurf der Bereicherung im Raum steht: Hausherr soll zusammenstellen, was er bereits „von den leuten empfangen“. Punkt 15 schildert die Folgen der Folter für Frau Mohr und kontrastiert diese mit der Behauptung, sie sei nicht schwer gefoltert worden. Die Punkte 16 und 17 dürften sich auf die Untersuchung Zierers in Gerolzhofen beziehen, als er im Rathaus Zeugen zum Verhalten Hausherrs verhörte. Auch hier, heißt es, waren wieder manche besoffen. Hausherr versuchte, Zeugen zu beeinflussen, und rannte schließlich wutentbrannt davon. Punkt 20 handelt von Falschaussagen vermutlich beim Verlesen der Urgicht vor der Hinrichtung von Frau Kunigunde Geiger (Verhör am 22. März 1616 (StAW, Hist. Saal 374, fol. 349–350, hingerichtet vermutlich im 4. Brand am 24. April.) “Hannsen Rösers weib, sonsten die Geigers Kün genannt …” (Staatsarchiv Würzburg, Miscellanea 2884 fol. 58 unten) Der letzte Vorwurf lautet, Hausherr habe am letzten Marienfest die Messe versäumt und stattdessen Folterverhöre durchgeführt. Im nächsten Schreiben in der Akte (90r), das wieder von der Hand Zierers stammt, wird das Marienfest zu „Mariae Heimsuchung“ präzisiert, also auf den 2. Juli. Die Aussage lautet wohl: Frömmigkeit ist nicht gerade die Stärke des Zentgrafen. Zu welchem Zweck wurden diese Vorwürfe oder Fragepunkte („Interrogatoria“) formuliert, wozu diente dieses Schriftstück? In mehreren Punkten wird angedeutet, dass man es für eine Befragung von Hausherr und dem Zentschreiber in Würzburg brauchte. In Punkt 12 heißt es, Hausherr habe viele Leute mit nach Würzburg gebracht, in Punkt 13 wird der Zentschöffe als in Würzburg aussagender Zeuge bezeichnet und in 19 wird ein „allhier“, also vermutlich in Würzburg, eingegangener Bericht über das Verhalten des Scharfrichters erwähnt. Punkt 18 würde ich so deuten, dass Hausherr Echter aufgefordert hatte, keine Supplikationen wegen Frau Mohr anzunehmen, auch dies soll geprüft werden. Hier werden Informationen der Würzburger Zentrale verarbeitet. Es sieht also so aus, als sei Valentin Hausherr nach Würzburg vorgeladen und dort befragt worden. In Frage dafür kommt nur die Kanzlei. Soll man von Anhörung sprechen oder war es ein Verhör? Der Zentgraf scheint mit einer beachtlichen Entourage in die Residenzstadt gekommen zu sein. Als Zeitraum dürfte der August 1616 plausibel sein, weil doch etwas Zeit nach Zierers Ortstermin in Gerolzhofen am 15. Juli vergangen sein muss. Wenn das stimmt, hatte man in Würzburg Konsequenzen aus der Untersuchung Zierers gezogen. Und es geht hier offenkundig nicht nur um Frau Mohr, sondern das Verhalten des Zentgrafen stand generell in der Kritik. Aufzeichnungen über die tatsächlich durchgeführte Anhörung gibt es nicht. Wir wissen nicht, was Hausherr antwortete. Wir wissen nicht einmal, ob die Anhörung tatsächlich stattfand. Aber man hatte sie vor. * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Robert Meier (6. Januar 2026). Hausherr in Würzburg? Vitus Zierer und Margaretha Mohr V. _Hexenprozesse im Hochstift Würzburg_. Abgerufen am 6. Januar 2026 von https://hexeninwue.hypotheses.org/5869 * * * * * * * *
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January 7, 2026 at 9:46 AM
2. Januar 1626: „ein lautter leedig, Ödes vnnd Lähres Landt“ https://dkblog.hypotheses.org/6242
2. Januar 1626: „ein lautter leedig, Ödes vnnd Lähres Landt“
Zum Jahreswechsel sandte Generalleutnant Tilly an seinen Kriegsherrn Maximilian von Bayern einen ungewöhnlich ausführlichen Bericht über die Situation, in der sich die Armee der Katholischen Liga befand. Er beschrieb das Land als öde und leer, und man ist versucht, den trüben Eindruck als Spiegelung der Stimmung zu verstehen, in der sich der Schreiber augenscheinlich befand. Nun sollte Tilly im Laufe der Jahre tatsächlich trübe, ja fast depressive Anflüge an den Tag legen. Doch der Bericht vom 2. Januar 1626 ist nicht in erster Linie jammervoll, sondern hält vor allem eine kohärente und nachvollziehbare Analyse der aktuellen Lage bereit1. Gleich zu Beginn des Briefes wurde eine deutliche Skepsis spürbar: daß es einen funktionierenden Waffenstillstand gebe oder gar ein Frieden erreichbar sei, hielt Tilly für abwegig. Zwar gab es seit Wochen nun schon Beratungen in Braunschweig, die als sog. Interpositionstag eine friedliche Beilegung ausloten und noch bis März 1626 dauern sollten. Doch gleichzeitig musste der Feldherr auch in diesen Winterwochen feststellen, daß der Feind immer wieder versuchte, „meine Quarttir zu attaquiren vnnd vfzuschlagen“. Aus Tillys Sicht war deswegen klar, „daß der Khönig zue denemarckh, vnd sein anhang zum Stilstandt noch Friedten lust habe“. Dabei betonte der Feldherr im Weiteren, dass die Feindseligkeiten nicht nur von den Truppen des dänischen Königs ausgingen. Vielmehr war es auch das „Pauers: vnd landtvolckh, so sich so boß: vnd feindtseelig alß der feindt immer erzeigt“. Dies hatte Konsequenzen für die Unterbringung und Stationierung der ligistischen Soldaten. Eine Möglichkeit war, das Kriegsvolk der Liga „in hauff in die gleichwol ebenmessig sehr schlecht, vnd übel verwartte Stättlein vnd fleckhen“ einzulegen. Dort befanden sich allerdings schon Garnisonen, so daß eine weitere Einquartierung zur Folge hätte, daß „mit dem vnderhalt nit vfzekhommen ist“: die Truppen wären einigermaßen sicher untergebracht, würden aber schnell unter einer Mangelversorgung leiden. Die Alternative war, die Soldaten stärker übers Land zu verteilen und dabei eine Mehrzahl auch von kleineren Orten zu besetzen. Der Vorteil war eine insgesamt bessere Kontrolle über die Landschaft. Tilly bewegte auch die Sorge, „das sich der feindt, oder doch zum wenigisten das verbitterte landtvolckh zu nit geringem abbruch meiner vnnd meiner vndergebnen armee darein [= in den einzelnen Orten] versamblen vnnd störckhen werden“. Genau dies galt es zu verhindern. Der Preis dafür war aber die größere Anfälligkeit der nun weit verstreuten Truppen für Überfälle. Die Lage war so gefährlich, „dz der feündt vast iedwederes Quartier mit 2000 pferdten vnschwer, vnd ohne mein behünnderung aufschlagen khan“. Entsprechend war die ligistische Armee so zerstreut, dass Tilly selbst keine größeren Operationen ad hoc planen konnte. Zudem gab es weiterhin Sorgen über beträchtliche Zuwerbungen auf feindlicher Seite. Diese Ängste waren nichts Neues. Beunruhigender war aber die sich weiter und immer prekärer gestaltende Versorgungslage. Seit dem Einmarsch der ligistischen Armee in den Niedersächsischen Reichskreis hatte sich daran nichts geändert2. Auch hier hatte die feindselige Haltung im Land maßgeblich zur Verschärfung der Situation beigetragen; Tilly erwähnte nochmals die Geschichte, die eigentlich aus dem Sommer bzw. Herbst stammte und ihn sehr beeindruckt haben mußte, daß die Bauern „beÿ nachtlicher weÿl daß Getreÿdt ausgetroschen, vnnd dauon gepracht“ hatten. Auch das Bedauern, daß Wallenstein weder mit Proviant noch der Überlassung von Quartieren hatte helfen können, klang wieder an. Wie verzweifelt dem ligistischen Generalleutnant die Versorgungslage erschien, zeigte das Postscriptum. Hier fragte er den Kurfürsten und Bundesobersten, ob er das Kürassierregiment Schönberg nicht aus Niedersachsen abführen könne? Eigentlich waren hessische Lande als Ausweichquartiere vorgesehen, doch hier lagen schon Wallensteinische Truppen. Also fragte Tilly, ob eine Einquartierung auch im Herzogtum Westfalen und Hochstift Paderborn möglich wären, also direkt in kurkölnischen Territorien. Der Feldherr wußte, welches Mißfallen dieser Vorschlag in München und auch in Bonn auslösen mußte. Gleichzeitig verdeutlichte das Ansinnen mehr als alles andere die große Not der Armee. 1. Generalleutnant Tilly an Maximilian von Bayern, Bockenem 2. Januar 1626, BayHStA Kurbayern Äußeres Archiv 2353 fol. 1-8 u. 9-10 Ausf. – Siehe auch schon den Blogpost: Neujahrswünsche für 1626. _dk-blog_ (7. Januar 2014). Abgerufen am 29. Dezember 2025 von https://doi.org/10.58079/nsb1, der aber andere Aspekte aufgreift. [↩] 2. Vgl. 28. Juli 1625: Tilly marschiert im Niedersächsischen Reichskreis ein. _dk-blog_. Abgerufen am 29. Dezember 2025 von https://doi.org/10.58079/14g5y [↩] * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Michael Kaiser (6. Januar 2026). 2. Januar 1626: „ein lautter leedig, Ödes vnnd Lähres Landt“. _dk-blog_. Abgerufen am 6. Januar 2026 von https://dkblog.hypotheses.org/6242 * * * * * * * *
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January 6, 2026 at 1:06 PM
Zugpostfunk: 100 Jahre Mobiltelefonie https://blog.hnf.de/zugpostfunk-100-jahre-mobiltelefonie/
Zugpostfunk: 100 Jahre Mobiltelefonie | HNF Blog
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January 6, 2026 at 7:48 AM
FAIRe Vokabulare und Normdaten für Museen und Sammlungen https://dhd-blog.org/?p=23094
FAIRe Vokabulare und Normdaten für Museen und Sammlungen | DHd-Blog
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January 5, 2026 at 3:55 PM
Rezension: Christoph Nonn – Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert http://geschichts-blog.blogspot.com/2026/01/rezension-christoph-nonn-zwolf-tage-und.html
Rezension: Christoph Nonn - Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert
Christoph Nonn - Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert Es gibt zahlreiche Geschichten des Kaiserreichs, so dass es durchaus Sinn macht, über eine grundlegende Strukturierung nachzudenken, vor allem, wenn man nicht den Anspruch hat, diese Geschichte in allen Facetten umfassend, sondern etwas leichter verdaulich zu gestalten. Christoph Nonns strukturierendes Element ist es, sich zwölf Tage in dem halben Jahrhundert Existenz des Kaiserreichs herauszugreifen und an ihnen exemplarisch Elemente dieses widersprüchlichen Staates aufzugreifen. Dieses griffige und etwas populäre Konzept heißt aber nicht, dass der Band deswegen auf wissenschaftlichen Anspruch verzichten würde und müsste. Nonn ist ein Experte für sein Fachgebiet, der die Lesenden in einer leichter verdaulichen Weise an seinem Kenntnisreichtum teilhaben lässt. In **Kapitel 1** , "_Versailles, 18. Januar 1871_ ", nimmt die Perspektive Anton von Werners ein, der kurzfristig den Auftrag erhielt, zur Kaiserproklamation Skizzen anzufertigen. Die Genese des berühmten Bilds, das auch den Einband des Buchs ziert, ist eine verworrene. Von Werner schuf mehrere Versionen des Gemäldes, und die eigentlich "definitive" der damaligen Zeit ist heute beinahe unbekannt, weil sie im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde. Dabei zeigte sie die Proklamation etwas "realistischer" und vor allem die Gegensätze der Deutschen mehr überbrückend; sie enthielt mehr einfache Soldaten und legte viel Wert auf den Ausgleich der verschiedenen Gruppen im Reich, vor allem Süd und Nord. Diese Gegensätze, die den Beginn der deutschen Nation schwierig gestalteten, stellt Nonn auch ins Zentrum des Kapitels. Die süddeutschen Fürsten (und auch die dortige Bevölkerung) waren eher widerwillige Teilnehmer am nationalen Projekt, und die Preußen ihrerseits waren auch bestenfalls lauwarm mit dem Projekt verbunden. Umso auffälliger war, wie schnell - binnen etwa eines Jahrzehnts - eine deutsche Identität sich wirkmächtig Bahn brach. Das **zweite Kapitel** , "_Marpingen, 3. Juli 1876_ ", beginnt mit einer angeblichen Marienerscheinung im saarländischen Marpingen, wo die etwas einfältige Bevölkerung unverhofft ins Zentrum nationalen Interesses - und bald der Behörden - geriet. Die katholische Bevölkerung war wesentlich mehr als die protestantische entfernt vom neuen Staatswesen und, entscheidender, von der Moderne. Die Enzyclica des Papstes hatte das ihre getan, und der deutsche Staat war gegenüber den Katholiken extrem misstrauisch und versuchte, sie zu unterdrücken und zu gängeln, um sie so vom vermuteten Einfluss Roms (den er völlig überschätzte) zu lösen. Der politische Gegenpart dieses Drucks war das Zentrum, eine katholische Sammelpartei, die durch die Feindschaft der evangelischen Konservativen teils merkwürdige Bündnisse einging und schließlich eine demokratische Partei wurde. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir in **Kapitel 3** , "_Leipzig, 2. Juni 1878_ ", wo anhand der Biografie August Bebels die Lage der Sozialisten untersucht wird. Nonn legt großes Gewicht auf die relativ geringe Größe der Sozialisten, als diese vom Staat mit großer Härte verfolgt wurden, und wie diese Verfolgung mittelfristig zur Stärkung genau dieser Bewegung beitrug, ohne das Leiden der Betroffenen deswegen kleinzureden. Er zeigt auch auf, wie innerhalb der sozialistischen Bewegung letztlich zwei reformerische Bewegungen miteinander stritten: die staatsorientierten Lassallianer gegen die eher vereinsorientierten Bebelianer. Am Ende gingen beide Bewegungen eine Synthese ein, doch die SPD konnte lange Zeit nie klären, wofür sie eigentlich ihre wachsende Macht nutzen wollte, weswegen sie auch ein Fremdkörper im deutschen Staatssystem blieb. Nonn gibt auch der Rolle der Frauenemanzipation in der SPD breiten Raum, die er recht schonungslos zeichnet: zwar war die Sozialdemokratie relativ zum Rest progressiv, aber auch hier unterdrückte man Frauen und traute ihnen nichts zu. Spannend fand ich zudem, dass die Sozialdemokratie sich lange als "Produzenten" begriff und deswegen etwa die Frage der Preise als irrelevant betrachtete, was die Frauen, deren Leben sich um Konsumentenpreise drehte, in eine Anti-Haltung brachte. Erst die Wandlung der Parteiplattform zu einer Konsumentenpartei erschloss einerseits eine breite Mitwirkung der Frauen als auch eine deutliche Erweiterung der Basis der Partei ins Angestellten- und Beamtenmilieu hinein, so dass sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs Volkspartei war. Nonn schließt aber mit der Feststellung, dass die Sozialistengesetze einen giftigen Effekt gehabt hätten, indem sie die SPD erst zu der Anti-Reichspartei gemacht hätten, als die Bismarck sie gezeichnet hatte, weswegen sie keine konstruktive parlamentarische Rolle auszufüllen in der Lage war. **Kapitel 4** , "_Berlin, 27. September 1883_ ", folgt Theodor Lohmann, einem Vortragenden Rat im Ministerium, der der Vater der Sozialgesetzgebung ist (und nicht, wie gerne kolportiert, Bismarck selbst, dessen Interesse am Gegenstand saisonalen Schwankungen unterlag). Lohmann war Hannoveraner und besaß partikularistische Neigungen, freundete sich jedoch mit dem neuen Staatswesen an und versuchte, es für seine Zwecke einzusetzen. Der pragmatische Idealist wird von Nonn als eine Art idealer Weberianer beschrieben, der harte Bretter bohrte und mit Geschick Bismarcks weniger realistische Wünsche abblockte, um seine eigene Vision durchzusetzen. Spannend ist, dass auch die Arbeitgeber damals - trotz der arbeitnehmerunfreundlichen Gesetzgebung - ein Interesse an Sozialversicherungen hatten, weil diese die Risiken kalkulierbar und damit bilanzenfreundlicher machten. Auch wie Lohmann Bismarck legislativ ausmanövrierte, ist äußerst spannend. Gleichwohl macht Nonn deutlich, dass auch Lohmann nicht der alleinige Vater der deutschen Sozialversicherungen ist; wie Bismarck wurde auch er durch andere Akteure ausmanövriert und musste Kompromisse akzeptieren. **Kapitel 5** , "_Okahandja, 21. Oktober 1885_ ", befasst sich mit der Kolonialgeschichte der Deutschen. Mich fasziniert, wie unklar immer noch ist, unter welchen Motiven das Kaiserreich in die Kolonialpolitik hineinging. Die Geschichte, die Nonn hier entspinnt, dreht sich um die Beziehung der Deutschen zu den Herero. Anfangs waren die zahlenmäßig kaum wahrnehmbaren Deutschen auf enge Kooperation angewiesen und versuchten, die Freundschaft der Herero zu gewinnen, vor allem, indem sie versuchten, in deren internen Streitigkeiten zu vermitteln. So wuchsen sie von Vermittlern in die Rolle von Herrschern hinein. Neuankömmlinge aus Deutschland, vor allem grobe rassistische Schlächter wie von Trotha oder raffgierige Siedler, missachteten dann das fragile Gefüge vor Ort und nutzten jeden Vorwand, um Gewalt gegen die Herero auszuüben, bis hin zur Konstruktion eines "Aufstands", der dann genozidal niedergeschlagen wurde. Nonn diskutiert auch Jürgen Zimmerers These von den Kontinuitäten zu Auschwitz, die er verwirft; die deutsche Kolonialgewalt habe in der Denke der Nazis keine Rolle gespielt. **Kapitel 6** , "_Berlin, 15. März 1890_ ", skizziert anhand seines Rücktritts die Rolle Bismarcks im späteren Kaiserreich. Der alte Kanzler war zunehmend erratisch und unzuverlässig geworden, seine Politik im Inneren wie im Äußeren immer weniger erfolgreich. Ausschlaggebend aber war das eingetrübte Verhältnis zum jungen Kaiser Wilhelm, dessen Politikwechsel (so sprunghaft sie auch sein mochten) Bismarck nicht mitzumachen bereit war. Der Politrentner Bismarck denn grantelte vor allem von der Seitenlinie, ohne substanzielle Kritik beibringen zu können; er log und widersprach sich selbst ständig, in der Hauptsache um Geltung und Image bemüht. Nonn wendet den Blick dann auf Kaiser Wilhelm II. selbst, der Bismarck darin gar nicht unähnlich war. Er verwirft die Idee, dass die Technik- und Öffentlichkeitsbegeisterung Wilhelms ihn zu einem modernen Kaiser mache; seine politischen Ideen waren entschieden vormodern. Die Flitterwochen der Deutschen mit ihrem Kaiser endeten denn aufgrund dessen Sprunghaftigkeit und seiner Neigung zu Konflikten auch recht schnell, und am Ende des Kaiserreichs entglitt dem Kaiser sein Land auch politisch zunehmend. **Das siebte Kapitel** , "_Kiel, 3. Januar 1896_ ", befasst sich mit dem Flottenbau. Im Zentrum steht Alfred von Tirpitz, dessen Karriere als einigermaßen bedeutsam für die weitere Geschichte Deutschland gelten dürfte. Tirpitz steht mit seinen bürgerlichen Wurzeln und monarchischer Gesinnung typisch für eine Generation von Offizieren vor allem in Marine und Artillerie, wo technisches Verständnis wichtig war (und profilierte sich auch früh mit seiner Fachkenntnis zu Torpedos). Aus Geltungssucht einerseits und ideologischer Überzeugung andererseits trieb er massiv den Ausbau der deutschen wie heute auf Küstenschutz beschränkten Flotte zu einer von "Weltrang" voran. Nonn betont, dass die Rolle Tirpitz' dabei (auch von ihm selbst) deutlich übertrieben wurde; Flottenbegeisterung kam in allen Schichten bis tief ins sozialdemokratische Milieu vor, weil die Flottenschauen eine riesige Publikumsgaudi waren und die Flotte als modernste Technik galt (mir drängt sich der Vergleich zur Raketenbegeisterung um Space Race der 1950er und 1960er Jahre auf). Der Flottenverein errang in dieser Zeit eine (wenngleich künstlich durch Doppelmitgliedschaften inflationierte) Millionenmitgliedschaft. In der Auswirkung auf die Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland, die in einem von Deutschland entschieden verlorenen Flottenwettrüsten endeten, schließt sich Nonn weitgehend der konventionellen Lesart an, dass dies die Beziehungen der beiden Staaten nachhaltig vergiftet habe, schon allein, weil die Flotte keinen anderen Gegner als Großbritannien habe kennen können. **Kapitel 8** , "_Koniz/Westpreußen, 11. März 1900_ ", befasst sich mit einem Mordfall in der westpreußischen Provinz. Die ungeklärten Umstände führten zu einer wahren Blüte von Verschwörungstheorien, anhand derer Nonn ein Sittenbild Koniz' nachzeichnet, in dem Gerüchte soziale Außenseiter treffen - etwa alleinstehende Männer mittleren Alters, religiöse Splittergruppen und Ähnliches. Am heftigsten betroffen aber waren die Juden, denen ein "Ritualmord" nachgesagt wurde. Diese Vorwürfe des Ritualmords gehörten zum Standardrepertoire auch des mittelalterlichen Antisemitismus und traten immer wieder zutage. Von der Konizer Affäre ausgehend beleuchtet Nonn den Antisemitismus im Kaiserreich: dieser sei im internationalen Vergleich nicht besonders ausgeprägt gewesen und durch die rechtsstaatlichen Strukturen, auf die besonders die Liberalen stolz waren, immer wieder in Schach gehalten worden. Mit Nachdruck verweist Nonn darauf, dass die explizit antisemitischen Parteien im Kaiserreich nie mehr als zwei Prozent der Stimmen gewannen; gleichwohl war der Antisemitismus als Grundströmung vor allem unter den Konservativen jederzeit anschlussfähig. Auch der in **Kapitel 9** , "_Köpenick, 16. Oktober 1906_ ", besprochene Militarismus erhält ein Loblied des kaiserlichen Rechtsstaats. In diesem Kapitel zertrümmert Nonn vermutlich die meisten Mythen und tritt der konventionellen Kaiserreichsgeschichtserzählung am entschiedensten gegenüber. Im Fall des Hauptmanns von Köpenick erkennt er weniger eine obrigkeitsstaatliche Duckmäuserigkeit, sondern vielmehr eine starke Trennung ziviler und militärischer Sphären, weil die Köpenicker Beamten und der Bürgermeister sehr wohl alles hinterfragten und die Kooperation verweigerten, aber von den Soldaten mit Waffengewalt gezwungen wurden. Das Problem lag also eher im Militär als in der Gesellschaft als Ganzes. Den schlagkräftigsten Beweis für diese These legt Nonn mit der massiven Kritik am Militarismus vor: eine militarisierte Gesellschaft würde schließlich nicht permanent den Militarismus kritisieren. Dieser sei im internationalen Vergleich nicht stärker ausgeprägt gewesen als etwa in Frankreich oder Großbritannien. Nonn vergleicht hier die Größe des Militärs (proportional wesentlich kleiner als in Frankreich) und seine Militärausgaben (dito), belässt es aber nicht bei den Zahlen. Besonders ab 1900 sei das deutsche Heer in seiner Größe ins Hintertreffen geraten, was im Reich auch permanent öffentlich diskutiert wurde. Die innenpolitischen Dynamiken hier sind faszinierend, weil eine Vergrößerung der Armee von Liberalen, Sozialdemokraten UND Konservativen blockiert wurde, wenngleich aus unterschiedlichen Interessen. Am interessantesten ist hier der Widerstand der Konservativen, die die ungerechte Erfüllung der Wehrpflicht (wesentlich stärker auf dem Land als in der progressiveren Stadt) erhalten wollten, damit die Armee sich nicht demokratisiere und eine Vergrößerung ablehnten, damit das Offizierskorps nicht mehr Bürgerliche aufnehmen musste. Das Ziel der Konservativen war, die Armee als innenpolitisches (!) Machtinstrument und potenzielles Putschorgan ("der Kaiser muss einem Leutnant jederzeit sagen können, nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag") zu erhalten; eine zu starke Vergrößerung hätte dies verunmöglicht, wie sich Ende des Ersten Weltkriegs ja dann auch zeigen sollte. In **Kapitel 10** , "_Norderney, 2. Oktober 1908_ ", nimmt Nonn die Kanzlerschaft von Bülows anhand der Daily-Telegraph-Affäre in den Blick. Er zeichnet ein Bild von Bülows als Schmeichler, der vor allem durch sein persönlich gutes Verhältnis zu Wilhelm II. einerseits und das Glück einer ihm gewogenen Reichstagsmehrheit ("Bülow-Block") regieren könnte. Beides änderte sich 1908. Als das Außenministerium darin versagte, Wilhelm II. katastrophales Interview mit dem Daily Telegraph einzufangen, verlor von Bülow sein gutes Verhältnis zu Wilhelm II. Als wesentlich bedeutsamer aber sieht Nonn den Rückzug des Kaisers aus der Politik, der ihn von 1908 an zu einer fast rein repräsentativen Rolle ähnlich Großbritanniens brachte - ohne dass dies, typisch für das Kaiserreich, je verfassungsrechtlich abgesichert worden wäre. Dementsprechend fand auch keine Parlamentarisierung statt: zwar gewannen die Parteien an Macht und sicherten sich eine Art destruktives Misstrauensvotum gegenüber dem Reichskanzler; von einer parlamentarischen Regierung konnte aber weiterhin keine Rede sein. Die Unklarheit dieser Machtstrukturen sollte sich 1914ff. als fatal erweisen. Im **elften Kapitel** , "_Freiburg, 30. Juli 1914_ ", nimmt sich Nonn wenig überraschend den Kriegsausbruch vor. Er untersucht diesen vor allem auf zwei Ebenen: einmal, vergleichsweise knapp und oberflächlich, als diplomatisches Versagen der Großmächte, vor allem aber der deutschen Diplomatie (deren Inkompetenz sich ja bereits in der Daily-Telegraph-Affäre abgezeichnet habe). Der Hauptblickpunkt ist aber ein soziologischer: was machte der Kriegsausbruch mit der Bevölkerung? Hier seziert er vor allem den Mythos der Kriegsbegeisterung, der sich tatsächlich nur für eine kleine Minderheit von Bürgerlichen in den Städten nachweisen lässt. Zudem offeriert er psychologische Erklärungen: die ostentative gute Laune der Soldaten maskierte oft nur die eigene Angst, um den Abschied von den Liebsten leichter zu machen. Parallel dazu zeigt er auf, dass die Frauen ebenfalls eine Maske patriotischen Opfermuts aufsetzten, einerseits um gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen, andererseits aber auch, um den Liebsten den Abschied leichter zu machen. Die Briefe der Soldaten und die Tagebucheinträge der Frauen (deren Briefe sind fast nie erhalten) zeichneten aber ein Bild der Furcht und Vorahnung. Das Kriegsende wie das des Kaiserreichs sind Gegenstand von **Kapitel 12** , "_München, 7. November 1918_ ". Nonn stellt hier die Ereignisse in München in den Mittelpunkt, wo mit Fechenbach, der rechten Hand Kurt Eisners, ein Akteur der Revolution ins Rampenlicht gestellt wird. Der radikale Linke folgte einem typischen Weg: im Krieg selbst radikalisierte er sich, trieb dann in München die Revolution voran, kehrte später zur moderaten Linken zurück und wurde dann von den Nazis ermordet. Diese Perspektive hilft Nonn zu betonen, dass die Revolution vor allem ein Soldatenaufstand war und innerhalb der Bevölkerung kein großes revolutionäres Potenzial vorhanden gewesen sei (was interessanterweise die konservativen Befürchtungen aus Kapitel 9 bestätigt). Deswegen habe die radikale Linke auch zu keiner Zeit großen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt. Nonn schließt das Kapitel mit einigen Betrachtungen zu den Gründen für den Untergang der Weimarer Demokratie, indem er praktisch alle Erklärungen verwirft, die ihre Wurzeln in Kaiserreich und Revolution haben. Weder Dolchstoßlegende noch Versailler Vertrag, weder das Revolutionsgeschehen noch die antidemokratischen Beamten und Soldaten hätten den Untergang Weimars verschuldet, den er weitgehend in den idiosynkratischen Entwicklungen der späten 1920er und vor allem 1930er Jahre verortet. --- Nonns Struktur in "12 Tage und ein halbes Jahrhundert" erinnert mich an die eines Schulbuchs, ohne das negativ zu meinen. Quasi alle relevanten Themen der deutschen Diskussion um die Geschichte des Kaiserreichs werden exemplarisch aufgegriffen und mit angemessener Tiefe und Seriosität behandelt. Reichsgründung, Kulturkampf, Antisemitismus, Sozialistengesetze, Militarismus, Außenpolitik - das sind die klassischen Bereiche, die man dann gerne in einem Querschnitt behandelt. Nonn schafft es dabei, die gesellschaftlichen und politischen Trends immer wieder auf den Boden zurückzuholen, indem er das Alltagsleben im kaiserlichen Deutschland plastisch schildert und sich auch mit Wertungen und Psychologisierungen nicht zurückhält, die aufzeigen, welche allzu menschlichen Dynamiken hier eigentlich wirken. Auf diesem Feld ist das Buch ein voller Erfolg. Gleichwohl tun sich für mich einige bemerkenswerte Lücken vor allem in den Bereichen von Militär und Außenpolitik auf. So schildert Nonn zwar ausführlich die innenpolitischen Dynamiken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die die Flottenrüstung befeuerten und den Wettstreit mit Großbritannien auslösten, beschäftigt sich aber erstaunlich wenig mit der Frage, welche konkreten strategischen Überlegungen dem eigentlich zugrundelagen und, vor allem, wie berechtigt diese waren. Dass etwa eine reine Küstenschutzmarine kaum in der Lage ist, den globalen Handel einer exportorientierten Volkswirtschaft zu schützen, ist eine Erkenntnis, die wir im Rahmen des amerikanischen Rückzugs aus ihrer Rolle als Garant der liberalen Weltordnung gerade wieder gewinnen. Dasselbe gilt auch für die relativen Armeestärken, wie sie im Kapitel über den Militarismus diskutiert werden. Es ist gut, dass Nonn hier aufzeigt, dass die Armee im kaiserlichen Deutschland gar nicht die hervorgehobene Stellung anderer Länder hatte (sondern dass das Problem eher ihr konservativer, isolierter Kern war), aber merkwürdigerweise klammert er gerade in der Diskussion um die Heeresvorlagen die Frage weitgehend aus, inwiefern diese eigentlich begründet waren. Fiel das Kaiserreich militärisch gegenüber seinen (zweifellos eher feindlich eingestellten) Nachbarn zurück? Welche strategische Situation bot sich für das Kaiserreich in den 1910er Jahren? Ohne diese Fragen bleibt gerade die Betrachtung des Kriegsausbruchs oder der diplomatischen Initiativen zwangsläufig immer eine, die auf die innenpolitische Situation konzentriert bleibt, so dass es nicht verwundert, dass die Kapitel genau dieser Linie folgen. Man muss sich ja nicht gerade Niall Fergusons eher steile Thesen aus "_A Pity of War_ " zu eigen machen, aber zumindest ein Nachdenken in diese Richtungen wäre durchaus angebracht. So bleiben gerade Kapitel 7 (Flottenrüstung), 9 (Militarismus) und 10 (Daily-Telegraph-Affäre) merkwürdig unvollständig. So bleibt die Frage nach der Berechtigung der Ängste und Befürchtungen beziehungsweise der Fruchtbarkeit der Kriegspläne weitgehend unklar. Nonn scheint vor größeren Vergleichen mit anderen Ländern immer wieder zurückzuschrecken, ein Trend, der sich (weniger wahrnehmbar) auch bei den anderen Themen zeigt. Zwar unternimmt er diese Vergleiche immer wieder (besonders erfolgreich beim Thema Antisemitismus), aber letztlich bleibt der Blick arg deutschlandzentriert. Das ist natürlich auch der Struktur des Buchs geschuldet. Am deutlichsten werden diese Schwächen für mich in den beiden Abschlusskapiteln. Die Widerlegung des Mythos "Augusterlebnis" von 1914 scheint mir ein vergleichsweise ausgetretener Pfad zu sein (am interessantesten fand ich die retrospektive Überschätzung der Ermordung Franz Ferdinands durch die Zeitgenoss*innen), während der eigentliche Kriegsausbruch, also die diplomatischen und militärischen Mechanismen, praktisch keine Rolle spielen. Aber natürlich hat das Buch mit rund 900 Seiten ohnehin bereits ein ordentliches Volumen und bietet eine Art Meistererzählung des Kaiserreich. Sofern man sich bewusst ist, dass die Fragen von Militär und Strategie weitgehend ausgeklammert werden und der Fokus ganz klar auf Deutschland und der Gesellschaft des ersten deutschen Nationalstaats liegt, kann die Lektüre praktisch uneingeschränkt empfohlen werden.
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January 5, 2026 at 12:21 PM
Deutsche Schreibschrift lesen lernen https://archivtag.hypotheses.org/4143
Deutsche Schreibschrift lesen lernen
_Foto: LAV _**Einführung in die Paläografie im Landeshauptarchiv Koblenz** _ _ Beim Lesen alter Briefe und Familiendokumente oder der Erforschung anderer historischer Schriftstücke fällt es geschichtlich Interessierten oft schwer, die alte deutsche Schreibschrift zu entziffern, die 1941 von der lateinischen Schreibschrift abgelöst wurde. Die Seminare, die einen Einstieg in das Lesen von Schriftstücken aus dem 19. Jahrhundert anhand archivischer Quellen des Landeshauptarchivs Koblenz ermöglichen, werden 2026 fortgesetzt; die nächsten Termine sind: **Freitag, 20.02.2026, 14.30 bis 16.30 Uhr:** Grundlage dieser Übung ist ein teilweise gedruckter, teilweise handschriftlicher Eintrag aus einem Heiratsregister des 19. Jahrhunderts. Dieses Angebot richtet sich an Interessierte ohne Vorkenntnisse. **Freitag, 27.02.2026, 14.30 bis 16.30 Uhr:** Grundlage dieser Übung ist ein handgeschriebener amtlicher Text des 19. Jahrhunderts. Dieses Angebot richtet sich an Interessierte ohne Vorkenntnisse oder mit Grundkenntnissen. **Freitag, 06.03.2026, 14.30 bis 16.30 Uhr, ONLINE-Veranstaltung:** Grundlage dieser Übung ist ein handgeschriebener amtlicher Text des 19. Jahrhunderts. Dieses Angebot richtet sich an Interessierte ohne Vorkenntnisse oder mit Grundkenntnissen. Die Präsenz-Kurse finden im Landeshauptarchiv Koblenz, Karmeliterstr. 1/3, statt. Die Teilnahme ist kostenlos, Arbeitsmaterialien werden gestellt. Bitte melden Sie sich für **einen der Termine** an unter: a.grosche-bulla(at)lav.rlp.de (Andrea Grosche-Bulla). Kontakt für Rückfragen: Dr. René Hanke (r.hanke(at)lav.rlp.de) Die Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz übernimmt Unterlagen aus Landesbehörden und Gerichten, die einmalige Quellen für die Erforschung und das Verständnis der Vergangenheit darstellen, und macht sie für die Nutzung allen historisch Interessierten zugänglich – von Genealogie über die Ortsgeschichte bis zur universitären Forschung. Sie verwahrt Akten, Urkunden, Karten und weiteres Schriftgut aus über 1200 Jahren rheinland-pfälzischer Geschichte. Weitere Informationen: Landesarchivverwaltung RLP/Landeshauptarchiv Koblenz, Karmeliterstr. 1/3, 56068 Koblenz, Telefon 0261 9129-0, lav.rlp.de * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: groschebulla (5. Januar 2026). Deutsche Schreibschrift lesen lernen. _Archive Rheinland-Pfalz / Saarland_. Abgerufen am 5. Januar 2026 von https://archivtag.hypotheses.org/4143 * * * * * * * *
archivtag.hypotheses.org
January 5, 2026 at 10:21 AM
J.R.R. Tolkien – the Bovadium Fragments
Es gibt Bücher, die sollte es nicht geben und die neuste Veröffentlichung von J.R.R. Tolkien gehört dazu. Tolkien ist natürlich schon seit Jahrzehnten verstorben, hat aber einen ganzen Haufen Entwürfe, Fragmente und nicht veröffentlichter Werke hinterlassen, die nach und nach von seinem mittlerweile auch verstorbenen Sohn Christopher Tolkien aufbereitet und veröffentlicht wurden. Im Klappentext klingen „Die Bovadium Fragmente“ auch extrem interessant: > Nahe der alten Stadt Bovadium erfand einst ein Daemon die Motores. Die begeisterten Menschen wurden bald zu ihren Sklaven. Mit diesem Buch beweist Tolkien, dass er erfasste, was die Menschen erst später begriffen: die Katastrophe, die mit der Automobilisierung von Städten auf uns zurollte. Anfang der 1950er Jahre tobte in Oxford eine Kontroverse, und mitten drin J.R.R. Tolkien. Die nahe gelegenen Morris-Automobilwerke hatten den Verkehr ins Unerträgliche ansteigen lassen, und neue Straßen drohten, den Charakter der Universitätsstadt zu zerstören. Als Reaktion darauf verfasste Tolkien eine satirische Fantasy-Geschichte – Die Bovadium Fragmente –, die erzählen, wie schreckliche Maschinen die Stadt erobern. Und die Motores verstopfen die Straßen mit Lärm und Gestank, bis alles Leben zum Stillstand kommt. Hier zeigt sich Tolkien von seiner ironischen, gelehrten und doch auch tragischen Seite. Der nicht unbedingt mit der Moderne versöhnte Tolkien hat eine Satire über den Autoverkehr geschrieben? Des Autoverkehrs, dessen Beginn und Aufstieg er selbst als Zeitzeuge miterlebt hat? Klingt interessant und daher habe ich die englische Version gelesen. Was folgt, ist eine verlegerische Frechheit. Der eigentliche Text wurde von Tolkien zu Lebzeiten versucht zu publizieren, wurde aber nie publiziert. Leider zurecht. Er ist nämlich nicht besonders gut und dazu auch noch extrem kurz. Dass ein Teil des Textes zudem in Latein verfasst ist, ist Tolkien nicht vorzuwerfen. Natürlich konnte man in der akademischen Welt der Oxford Universität seiner Zeit Latein. Den modernen Leser mag dies aber irritieren und es wird höchstwahrscheinlich auch diverse Schüler irritieren, deren hoch motivierte Lateinlehrer sich über moderne Texte von diesen coolen und hippen Autoren, die diese jungen Menschen heutzutage lesen, freuen und diese Steilvorlage natürlich für den Unterricht missbrauchen werden. Mehr braucht man zur Geschichte selbst nicht sagen – es ist einer dieser historisch-satirischen Texte, die für die lokal betroffenen Zeitgenossen höchstwahrscheinlich recht witzig gewesen sein könnte. Tolkien beschreibt hier etwa, wie sich die Bewohner von Nord- und Südbovadium, was natürlich Oxford ist, versuchen gegenseitig den Autoverkehr zuzuschieben. Im Jahr 2026 zündet das aber für Nicht-Oxfordianer eher nicht – dafür ist die Story eines „daemon“, der „motores“ erschafft, doch zu platt. Schlimmer ist das drumherum. Die eigentliche Geschichte ist keine 40 Seiten lang. Dann kommt der Verlag und bläht alles mit Vorworten, einem Erklärtext und sonstigen eher überflüssigen Inhalten auf trotzdem schmale 144 Seiten in der englischen und 166 in der deutschen Version auf die dreifache Dicke auf. Dafür möchte man dann sportliche 24 Euro. Wir reden hier nicht von einer Kleinstauflage eines unbekannten Autoren, welche für den Verlag ein gewaltiges Risiko ist, sondern von einem Werk, das definitiv ein risikoarmes Unterfangen ist und sich verkaufen wird. Leider wird es sich verkaufen. So sehr man sich neuere Werke von Tolkien wünscht, er hat keinen weiteren, unveröffentlichten Herr der Ringe in der Schublade gehabt und es gibt Werke, die lieber unveröffentlicht bleiben sollten. Dieses gehört leider dazu. Schade.
schmalenstroer.net
January 4, 2026 at 9:29 PM
Notbremse in der saarländischen Landesarchäologie https://archaeologik.blogspot.com/2026/01/notbremse-in-der-saarlandischen.html
Notbremse in der saarländischen Landesarchäologie
Die Saarbrücker Zeitung berichtet zu Jahresbeginn über die Archäologie und widmet ihr einen Leitartikel: * Neustart für die Archäologie im Saarland. Saarbrücker Zeitung 2.1.2026. - https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/landespolitik/neustart-fuer-die-archaeologie-im-saarland_aid-141211645 (paywall) Aktuelle Grabungsprojekte im Saarland sollen vorübergehend pausieren, um bestehende Dokumentationslücken und Altlasten zu regeln. Die Probleme sind vielfältig, "mal ist es das Depot, mal die wissenschaftliche Aufbereitung der Dokumentation, mal ist es auch die schiere Menge an Funden". Funde und Dokumentationen werden dezentral aufbewahrt - bei den jeweiligen Trägerinstitutionen, bei denen personelle Wechsel anstehen, die teils aber auch gar nicht über eine ausreichende Personaldecke und Infrastruktur verfügen. Das saarländische Landesdenkmalamt - seit Juli 2024 unter der neuen Leitung von Simon Matzerath - hat diese Entscheidung getroffen, um die Qualität und Nachvollziehbarkeit der archäologischen Arbeiten zu verbessern. Hintergrund sind organisatorische Probleme und das Bedürfnis nach einer systematischen Aufarbeitung der bereits durchgeführten Ausgrabungen. Ein wichtiges Anliegen ist es, moderne Grabungsstandards durchzusetzen. Matzerath hat klargestellt, dass es zu keinem vollständigen Ausgrabungsstopp kommen wird, jedoch die Grabungen bis zur Klärung der Altlasten ruhen sollen. Betroffen sind also nicht die Notgrabungen, sondern insbesondere die folgenden längerfristig angelegten Grabungsprojekte: 1. Villa Borg 2. Wareswald 3. Ringwall Otzenhausen 4. Kulturpark Bliesbruck-Reinheim 5. Burg Kirkel Sie sind strukturell höchst unterschiedlich - teils, wie in Otzenhausen, handelt es sich um wissenschaftlich hochkarätige Projekte, andernorts um derzeit eher touristisch ausgerichtete Unternehmungen. Die Villa Borg wird durch die Kulturstiftung Merzig-Wadern betreut, die römische Villa von Nennig von der Stiftung saarländischer Kulturbesitz und das Römermuseum Schwarzenacker von der Stadt Homburg mit der Stiftung Römermuseum. Die beiden letzteren haben keine laufenden Grabungen, wohl aber durchaus auch noch Aufarbeitungs- und Publikationsrückstände. In der Villa Borg habe man in den vergangenen Jahren den Fokus auf den touristischen Aspekt gelegt, um durch die Einnahmen ein „zukunftssicheres Konzept“ vorzulegen, das eine geplante Aufarbeitung nun erst möglich mache. --- Villa Borg (Foto: Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons) Auffallenderweise ist weder vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Saarbrücken, noch von der Staatlichen Altertümersammlung die Rede, denen man bei der Archivierung der Funde doch am ehesten eine zentrale Rolle zuweisen würde. Organisatorisch bestehen mit dem Landesdenkmalamt, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte und der Staatlichen Altertümersammlung drei Institutionen, die zwar eng kooperieren müssen, aber organisatorisch separiert sind. Die Altertümersammlung ist das Depot und Archiv, während das Museum für Vor- und Frühgeschichte der öffentliche Ort der Präsentation der Funde ist. Letzteres gehört wie die Villa Nennig zur Stiftung saarländischer Kulturbesitz und wird als archäologisches Landesmuseum des Saarlandes verstanden. Nicht thematisiert wird, inwiefern es bei dem Neustart nur um eine vorübergehende Initiative zur Aufarbeitung und Archivierung der bisherigen Grabungen oder um tiefer gehende strukturelle Reformen gehen soll. Das Saarländische Denkmalschutzgesetz trifft über die Oberste Denkmalbehörde im Ministerium für Bildung und Kultur und das Landesdenkmalamt als Fach- und Vollzugsbehörde hinaus keine institutionellen Regelungen. ### Weitere Links * Römermuseum Schwarzenacker: Besucherzahlen, Highlights und Ausblick auf 2026. Saarbrücker Zeitung 29.12.2025. - https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saar-pfalz-kreis/homburg/roemermuseum-in-schwarzenacker-blickt-auf-spannende-saison-zurueck_aid-141420727 * Die Römer locken viele Besucher an. Saarbrücker Zeitung 2.1.2026 (Print) * Regionaler Leitartikel: Ein notwendiger Neustart. Saarbrücker Zeitung 2.1.2026 (Print)2022026. -
archaeologik.blogspot.com
January 4, 2026 at 2:16 PM
Jour fixe | 14. Jänner 2026 | Haberler-Maier: Hainburg, „die Türken“ und das Jahr 1683. Präzisierungen und Korrekturen zu einem alten Mythos https://fnzinfo.hypotheses.org/3027
Jour fixe | 14. Jänner 2026 | Haberler-Maier: Hainburg, „die Türken“ und das Jahr 1683. Präzisierungen und Korrekturen zu einem alten Mythos
**Jour fixe des IEFN (Institut für die Erforschung der Frühen Neuzeit) in Kooperation mit Geschichte am Mittwoch des Instituts für Geschichte** **Vortragende: Daniel Haberler-Maier (Wien/Krems)** **Vortragstitel: Hainburg, „die Türken“ und das Jahr 1683. Präzisierungen und Korrekturen zu einem alten Mythos** **Moderation: Peter Rauscher** **Ort:** Hörsaal 30 im Hauptgebäude der Universität Wien, linker Seitentrakt, Stiege 7, 1. Stock (1010 Wien, Universitätsring 1) **Zeit:** Mittwoch, 14. Jänner 2026, 18:30 **Abstract:** Ein einschneidendes Ereignis, wie es die Zerstörung Hainburgs durch das Osmanische Heer im Juli 1683 zweifelsohne war, ist ein solider Nährboden für über Jahrhunderte wuchernde Mythen. Auf lokalpolitischer, katholischer und nationalistischer Ebene institutionalisierte sich die Belagerung als Eckpfeiler der Erinnerungskultur und der regionalen Identität. Erzählungen über 8.423 Opfer und einen hüfthohen Blutsee dürfen mit kritischem Blick auf die spärlich überlieferten Quellen hinterfragt werden, ohne die tatsächlichen Ereignisse, die Toten und das Leid in der Bevölkerung zu relativieren oder herabzuwürdigen. **Zur Person** : Daniel Haberler-Maier, BA MA, Archivar und Historiker, Leiter des Stadtarchivs Krems. Studium der Geschichte sowie der Historischen Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft an der Universität Wien, Lehrbeauftragter im Masterstudium Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft an der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte in der Stadt- und Regionalgeschichte mit Publikationen besonders zu Krems und Stein, Hainburg und Wien. * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Bernadette Abrahamek (4. Januar 2026). Jour fixe | 14. Jänner 2026 | Haberler-Maier: Hainburg, „die Türken“ und das Jahr 1683. Präzisierungen und Korrekturen zu einem alten Mythos. _Frühneuzeit-Info_. Abgerufen am 4. Januar 2026 von https://fnzinfo.hypotheses.org/3027 * * * * * * * *
fnzinfo.hypotheses.org
January 4, 2026 at 12:29 PM
Taltempel des Niuserre in Abusir ausgegraben
In der Nekropole von Abusir, an der archäologischen Stätte Abu Ghurab, hat das dort grabende italienische Team eine Struktur aus dem Alten Reich entdeckt. Es handelt sich um den Taltempel des Sonenheiligtums von König Niuserre aus der 5. Dynastie, dessen Regierungszeit auf etwa 2455 bis 2420 v.Chr. datiert wird. Der Sonnentempel von Niuserre liegt ganz im Norden der Nekropole Abusirs. Lageplan der Nekropole Abusirs mit dem Sonnenheiligtum des Niuserre oben links. Gemeinfrei, via Wikimedia Die italienische Mission unter der Leitung von Massimiliano Nuzzolo von der Universität Turin und Rosanna Pirelli, Universität Neapel, hat in dieser Saison über die Hälfte des Taltempels freigelegt. Bisher hatte man angenommen, dass es sich bei diesem Taltempel mehr oder weniger um ein großes, von einer Mauer umgebenes Tor handelte, das am Anfang des Aufwegs zum Sonnentempel stand. Nun stellte sich aber heraus, dass die Grundfläche dieses Taltempels über 1000 qm groß war. Foto: Tourismus- u. Antikenministerium Ägypten Rekonstruktion des Sonnentempels des Niuserre in Abusir. Zeichnung von Ludwig Borchert. Gemeinfrei, via Wikimedia Sonnenheiligtümer waren Tempel zu Ehren eines Gottes des Sonnenkultes, von denen es in der altägyptischen Götterwelt mehrere gab, z.B. Aton, Re, Chepre, Harmachis oder Atum, um nur einige zu nennen. Aus Inschriften weiß man, dass alleine in der 5. Dynastie sechs solcher Sonnenheiligtümer von verschiedenen Königen gebaut wurden. Nur zwei davon hat man aber bislang entdeckt, nämlich die des Userkaf und des Niuserre, beide in Abusir. Ähnlich wie bei Pyramiden, hatten auch Sonnenheiligtümer einen Taltempel, von dem aus ein Aufweg zur höher gelegenen Kultstätte führte. Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung dieses Fundes betonte Mohamed Ismail Khaled, Generalsekretär des Supreme Council of Antiquities, dass es der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchert war, der um 1900 das Sonnenheiligtum des Niuserre ausgegraben hatte, dass danach aber ein zu hoher Grundwasserspiegel weitere Grabungsarbeiten über ein Jahrhundert lang verhindert hätten. Kartusche des Niuserre. Foto: Tourismus- u. Antikenministerium Ägypten Mit den diesjährigen Grabungsarbeiten konnte nun der Eingang freigelegt werden, der unter 1,20 m Nilschlamm versteckt war. Dahinter wurde teilweise noch der originale Boden entdeckt. Auf einer massiven, steinernen Türschwelle fanden die Archäologinnen einen in Hieroglyphen geschriebenen Kalender, der die religiösen Feste des Tempels benennt. Hier findet sich auch der Name des Erbauers, König Niuserre, in einer Namens-Kartusche. Weiter fand das Team bei seinen Arbeiten die Basis einer Kalksteinsäule sowie Teile einer Granitsäule, die wohl einst Teil der Säulenvorhalle war. Daneben wurden auch Segmente der seitlichen Steinverkleidung gefunden, die den Gang zwischen dem Eingang und dem Aufweg zum Heiligtum zierte. Einige Elemente, wie Türrahmen mit dem oberen Türsturz aus Granit, konnten noch intakt und an ihrem originalen Platz ausgegraben werden. Die Arbeiten ergaben auch Hinweise darauf, dass es eine abfallende Rampe gab, die den Taltempel wohl einst mit dem Nil oder einem seiner damaligen Arme verband. Ein weiterer interessanter Fund sind die Reste einer Steintreppe, die einmal auf das Dach führte. Sie lässt die Forschenden vermuten, dass es im nordwestlichen Teil des Tempels wohl noch einen zweiten Eingang gab. Unter den sonstigen Artefakten, die bei den Grabungsarbeiten gefunden wurden, sind u.a. auch zwei hölzerne Spielsteine des altägyptischen Brettspiels Senet. Foto: Tourismus- u. Antikenministerium Ägypten Weiter fand man unzählige Keramikscherben aus dem gesamten Zeitraum des Alten Reiches bis hin zur 1. Zwischenzeit, aus der tatsächlich die meisten Fundstücke stammen. Erste Auswertungen ergaben, dass der Sonnentempel, nachdem er seine Bedeutung als Kultplatz verloren hatte, wohl während der 1. Zwischenzeit von der damaligen Bevölkerung auch als Siedlung genutzt und bewohnt wurde.
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January 4, 2026 at 6:32 AM
Jahrestage mittelalterlicher Geschichte 2026
Willkommen im Jahr 2026! Was wird es bringen? Niemand weiß es … Aber dafür lässt sich immerhin festhalten, was sich vor 500 oder vor 1.000 Jahren ereignete, und welche Ereignisse, Erfindungen, Entwicklungen des Mittelalters in diesem Jahr ein Jubiläum begehen können. Hier der jährlich traditionelle, subjektive, unvollständige und gnadenlos eurozentrische Überblick. ## Vor mehr als 1.000 Jahren * Theodoricus Rex, nach einer Handschrift des 12. Jahrhunderts. **526:** Am 18. Mai stirbt Papst Johannes I. in Ravenna, wenige Tage, nachdem er von Ostgotenkönig Theoderich dem Großen eingekerkert worden ist, an den Folgen der Haft. Grund der Inhaftierung war, dass die Reise Johannes’ nach Konstantinopel, wo er im Auftrag Theoderichs Kaiser Justin I. zu einer arianerfreundlicheren Politik bewegen sollte, fehlgeschlagen ist.Johannes‘ Nachfolger als Bischof von Rom wird Felix III.** ** 20. Mai: Ein Erdbeben in Antiochia in Syrien tötet mindestens 250.000 Menschen und zerstört so gut wie alle Gebäude der Stadt. Nach dem Erdbeben folgt ein Feuer, das die verbliebenen Häuser und vor allem die von Konstantin I. erbaute Hauptkirche der Stadt, die „Große Kirche“ mit ihrer goldenen Kuppel, vernichtet. Auch Seleukeia Pieria, der Hafen der Stadt, wird angeblich zerstört. Das von verschiedenen Historikern überlieferte Beben gehört zu den schwersten dokumentierten Erdbeben. Es gibt Nachbeben bis zum 29. Mai. Theoderich der Große stirbt am 30. August, sein Mausoleum ist zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht zur Gänze fertiggestellt. Theoderichs zehnjähriger Enkel Athalarich tritt unter der Regentschaft seiner Mutter Amalasuntha die Nachfolge an, was einen Bruch der ostgotischen Tradition darstellt, dass der Regent ein Mann sein müsse. Das ostgotische Reich wird durch Theoderichs Tod stark geschwächt und wenige Jahre später von Ostrom erobert. Die mit den Ostgoten verbündeten Reiche der Burgunden und der Thüringer fallen bald darauf an die Franken. * **626** : Konstantinopel wird durch die Awaren, Slawen und Perser belagert (Belagerung von Konstantinopel, 29. Juli bis 7. August). Die letzten byzantinischen Besitzungen auf der iberischen Halbinsel gehen an die Westgoten verloren. Edinburgh wird von Edwin von Northumbria gegründet. Die Synode von Clichy regelt u. a. die Machtverteilung zwischen den Merowingern im Frankenreich neu. Godinus, der Sohn des verstorbenen burgundischen Hausmeiers Warnachar, heiratet seine Stiefmutter Bertha, woraufhin Chlothar II. gegen ihn militärisch vorgeht. Godinus flieht mit Bertha zum austrasischen König Dagobert I., wird aber schließlich von Chlothar bei Chartres erschlagen. * **726:** Beginn des Byzantinischen Bilderstreits: Kaiser Leo III. lässt in einem demonstrativen Akt die große, goldene Christusikone am Chalke-Tor seines Kaiserpalastes zerstören, was zu einem ersten Aufruhr in der Bevölkerung führt. König Ine von Wessex tritt zurück und geht auf eine Pilgerreise nach Rom. Neuer König wird Æthelheard. Eochaid III. wird König des iro-schottischen Reiches Dalriada. Antwerpen wird erstmals erwähnt. * **826:** Im Mai führt Euphemios, byzantinischer Admiral der sizilischen Themenflotte, einen Feldzug gegen das arabische Nordafrika. Weil er angeblich eine Nonne namens Homoniza aus dem Kloster entführt und geheiratet hat, fordert Kaiser Michael II. seine Bestrafung. Daraufhin stiftet er einen Aufstand auf Sizilien an. Er besiegt den Strategos und ruft sich zum _Rex_ aus. Es gelingt ihm, Syrakus einzunehmen, aber dann wird er von kaisertreuen Truppen geschlagen. Er flüchtet nach Nordafrika und bittet die dort herrschenden Aghlabiden um Waffenhilfe. Radolt von Verona gründet den Ort Radolfzell am Bodensee. Otgar wird Erzbischof von Mainz als Nachfolger des Ende des Vorjahres gestorbenen Waltger. Ansgar begleitet im Auftrag von Ludwig I. den getauften Dänenkönig Harald, um in Dänemark und Schweden die christliche Missionierung voranzutreiben. * **926:** Der ostfränkische König Heinrich I. kann durch Zahlung von Tributen einen 10-jährigen Waffenstillstand mit den Ungarn schließen. In der Folge lässt Heinrich seine Rüstungsmaßnahmen gegen die Ungarn auf dem Reichstag von Ingelheim billigen und anschließend im ganzen Reich durchführen. Er erreicht auf dem Reichstag von Worms den endgültigen Verzicht König Rudolfs I. von Westfranken auf Lothringen. Da der Frieden nur für Sachsen gilt, fallen die Ungarn wieder in Süddeutschland ein: Sie bestürmen Augsburg, das von Bischof Ulrich verteidigt wird. Am 1. Mai plündern sie Stadt und Kloster St. Gallen und ermorden die Einsiedlerin Wiborada. Herzog Arnulf von Bayern ist gezwungen, durch Tributzahlungen einen Frieden zu erkaufen. Wiboradas Martyrium, dargestellt vor 1451/60 im Codex Sangallensis 602. Der baden-württembergische Ort Waldsee wird im sogenannten _Weißenburger Codex_ erstmals erwähnt, nachdem er im Zuge der Ungarneinfälle zerstört worden ist. Herzog Burchard II. von Schwaben zieht zur Unterstützung seines Schwiegersohnes Rudolf II. von Burgund nach Italien. Er wird am 29. April bei Novara von Erzbischof Lambert von Mailand überfallen und verliert Schlacht und Leben. Auf ihn folgt Graf Hermann von Wetterau durch Belehnung als Herzog. Dieser heiratet Reginlinde, die Witwe Burchards II. König Rudolf II. von Burgund und Italien gibt nach dem Tod Burchards II. Italien auf. Graf Hugo von Vienne, Regent von Niederburgund, nimmt als Erbe seiner Mutter Bertha die Region Tuscien in Besitz. Er vertreibt mit Hilfe des Erzbischofs von Mailand König Rudolf II. und lässt sich in Pavia zum König von Italien krönen. Er schließt mit Papst Johannes X. in Mantua einen Beistandspakt. Wolfram wird nach dem Tod von Dracholf Bischof von Freising. Er kann die wirtschaftliche Stabilisierung des Bistums erreichen und legt so den Grundstock für den späteren Aufstieg Freisings zum Hochstift. ## 1026 – vor 1.000 Jahren * 26. Februar: Embrich wird als Nachfolger des kürzlich verstorbenen Wirunt zum 5. Abt des Klosters Einsiedeln gewählt. * 27. Februar: Tod von Heinrich V., Herzog von Bayern (* um 960) * Anfang des Jahres zieht der ostfränkisch–deutsche König Konrad II. von seinem Winterlager in Aachen über Trier nach Augsburg und sammelt im Februar ein Heer für seinen ersten Italienzug. In seinem Gefolge befinden sich auch die Erzbischöfe Aribo von Mainz und Pilgrim von Köln. Konrads achtjähriger Sohn Heinrich wird mit Zustimmung der anwesenden Fürsten zum Nachfolger seines Vaters ausgerufen und für die Zeit seiner Abwesenheit der Obhut und Erziehung des Bischofs Bruno von Augsburg anvertraut. * Am 23. März befindet sich der Tross in Mailand und Konrad wird dort von Erzbischof Aribert mit der Eisernen Krone zum König von Italien gekrönt. Von Mailand zieht Konrad nach Vercelli, wo er am 10. April das Osterfest mit seinem Getreuen Leo von Vercelli feiert. Im Juni verweilt Konrad mit seinem Heer in Ravenna, wo es zu einem Kampf zwischen den einquartierten Fremden und den Ravennaten kommt. Konrad zieht sich nach Norden zurück, um die Gefährdung seines Heeres durch die Sommerhitze zu mindern. Zum Herbstbeginn verlässt Konrad sein Sommerlager und durchzieht das lombardische Tiefland von der Etsch bis an die burgundische Grenze. Weihnachten feiert er in Ivrea. Im Winter beenden die Markgrafen Oberitaliens ihre Opposition und treten mit Ausnahme Pavias auf die Seite des Königs. * 29. Mai: Adelheid von Anjou, Gemahlin des späteren französischen Königs Ludwig V. (* um 950), stirbt. * Hischam III. aus der Dynastie der Umayyaden wird nach langen Verhandlungen zwischen den Statthaltern der Grenzmarken und der Bevölkerung von Córdoba als neuer Kalif von Córdoba gewählt. Er kann jedoch nicht in die Stadt einziehen, weil sie von den Berbertruppen der Hammudiden unter dem in Málaga residierenden Yahya al-Mutali besetzt ist. * Mit dem Tod von Otto Wilhelm am 21. September wird sein ältester überlebender Sohn Rainald I. Graf von Burgund. ## 1126 – vor 900 Jahren * 10. Februar: Tod von Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien (* 1071). * Ludwig III. in der Schlacht von Kulm. 18. Februar: Im Erbstreit um das Herzogtum Böhmen findet die Zweite Schlacht bei Chlumec (Kulm) statt. Der Premyslide Soběslav I. siegt dabei über seinen Kontrahenten Otto II. von Mähren, der in der Schlacht fällt. Der ihn mit einem Heer unterstützende römisch-deutsche König Lothar von Supplinburg gerät in Gefangenschaft. * 3. März: Tod von Hartwig I., Bischof von Regensburg (* um 1070) * 8. März: Urraca, Königin von León-Kastilien (* um 1080) stirbt. Nach dem Tod seiner Mutter übernimmt Alfons VII. die Regentschaft in Kastilien und León. * 14. April: Geburt des Averroes, spanisch-arabischer Philosoph, Arzt und Mystiker († 1198). * Die Almoraviden beginnen, Christen nach Marokko zu deportieren. Alfons I. von Aragón besiegt die Almoraviden in der Nähe von Lucena. * Erzbischof Adalbero von Bremen entsendet Vizelin als Missionar zu den slawischen Abodriten. * 30. Juli: Tod von Cécile de Normandie, Äbtissin der Frauenabtei Ste-Trinité in Caen (* um 1054). * 12. November: Die Steinkirche des den Aposteln Peter und Paul gewidmeten und von Imar Ua h-Aedacháin gegründeten Klosters und späteren Augustinerchorherrenstifts in Armagh wird von dem Erzbischof Cellach Mac Aodh eingeweiht. * 13. Dezember: Heinrich der Schwarze, Herzog von Bayern (* 1075), stirbt. ## 1226 – vor 800 Jahren * 4. März (Aschermittwoch): Die Stadt Hamm wird als Folge der Strafaktionen nach der Ermordung des Reichsverwesers des Heiligen Römischen Reiches und Erzbischofs von Köln Engelbert von Berg im Vorjahr gegründet. Die Burg und Vorgängerstadt Nienbrügge etwa 1 km westlich von der Altstadt Hamm wurde als Besitz des als Hauptverschwörer angesehenen Grafen Friedrich von Isenberg durch dessen Vetter Adolf I. Graf von der Mark, Altena und Krieckenbeck im Auftrag der kölnischen Kirche zerstört, die Bürger und ihre Habe in das Ham – den Winkel zwischen Lippe und Ahse – umgesiedelt. Hamm wird als älteste Stadtgründung in der Grafschaft Mark deren Hauptstadt und bleibt bis ins 19. Jahrhundert Hauptsitz der Verwaltung des bedeutendsten weltlichen Territoriums in Westfalen. * 6. März: Mailand erneuert mit Bologna, Brescia, Mantua, Padua, Vicenza und Treviso den Lombardenbund gegen Kaiser Friedrich II., der für Ostern einen Hoftag in Cremona einberufen hat. Piacenza, Verona, Alessandria und Faenza schließen sich dem Bündnis wenig später an. Der Bund verhindert durch Straßensperren Zusammenkünfte Friedrichs II. mit Reichsfürsten auf italienischem Gebiet und wird dafür wegen Behinderung des Kreuzzugsvorhabens mit dem päpstlichen Bann belegt. * 7. März: Tod des William Longespée, englischer Magnat (* um 1167). * 9. März: Dschalal ad-Din Mengübirti und die Choresm-Schahs erobern die georgische Hauptstadt Tiflis und begehen ein Massaker an der Bevölkerung. Königin Rusudan ist nach Westgeorgien geflohen. * 26. März: In der Goldbulle von Rimini bestätigt Friedrich II. dem Deutschen Orden die Herrschaft über das Kulmer Land. Damit wird der Orden faktisch den Reichsfürsten gleichgestellt. * 8./9. April: Konrad IV. von Frontenhausen, deutscher Graf, Bischof von Regensburg und Kanzler des Königs Philipp von Schwaben (* um 1170), stirbt. * Mai: Mit Rückendeckung des päpstlichen Legaten Romano Bonaventura bricht der französische König Ludwig VIII. zu einem neuerlichen „Kreuzzug“ gegen Okzitanien auf, um es direkt der französischen Krondomäne einzuverleiben. Die meisten der durch den Albigenserkreuzzug ausgebluteten Städte und Grafschaften unterwerfen sich kampflos. Nur Raimund VII. von Toulouse nimmt neuerlich den Kampf auf. Ihm schließen sich die Städte Toulouse, Agen und später auch Avignon an. * 7. Juni: Avignon verweigert den Kreuzrittern den Durchzug. Ludwig VIII. beginnt mit der Belagerung der Stadt, die im September kapitulieren muss. Nîmes, Beaucaire, Narbonne, Carcassonne, Montpellier und Pamiers ergeben sich kampflos. Auf eine Belagerung von Toulouse verzichtet Ludwig aufgrund seines durch Krankheiten geschwächten Heeres. Er macht sich auf den Weg zurück in den Norden, lässt jedoch ein Heer unter der Führung von Humbert de Beaujeau im Languedoc. * Im Juni erwirbt Lübeck als erste deutsche Stadt mit der Reichsfreiheit auch das Münzrecht. Kaiser Friedrich II. stellt den Lübecker Reichsfreiheitsbrief in Fidenta in der Provinz Parma aus und übergibt ihn Sendboten des Rates der Stadt. Die Hansestädte gewinnen für den Handel an Bedeutung. Allerdings verlangt der Kaiser eine Abgabe vom Münzgewinn. Im Heiligen Römischen Reich entstehen in der Folge die unmittelbar dem Kaiser unterstellten Reichsstädte. * 21. Juni: Geburt von Bolesław V., Herzog von Polen († 1279). * Nachdem er sich am 26. Juni moralische Rückendeckung von Papst Honorius III. geholt hat, beginnt der dänische König Waldemar II. mit einem Rückeroberungsfeldzug gegen die norddeutschen Fürsten, insbesondere Heinrich von Schwerin, der ihn 1223 entführt hatte. Er marschiert zunächst in Dithmarschen ein. * 3. Oktober: Tod des Franz von Assisi, Gründer des christlichen Franziskanerordens, Heiliger der katholischen Kirche (* 1181/1182). * 8. November: Auf der Rückreise in den Norden stirbt Ludwig VIII. in Montpensier an einer Ruhrerkrankung. Auf dem Sterbebett lässt er die Großen seines Königreiches auf seinen noch unmündigen ältesten Sohn einschwören. * 14. November: Friedrich von Isenberg wird als Anführer der Mörder des Erzbischofs von Köln und Reichsverwesers zu Köln vor dem Severinstor gerädert. Sein Cousin Adolf I. von der Mark bringt im Anschluss die isenbergischen Besitzungen in seine Gewalt. Das führt Jahre später zu den _Isenberger Wirren_ , einer Fehde mit Dietrich von Altena-Isenberg. * 24. November: Tod von William Brewer, englischer Adeliger, Beamter und Richter (* um 1145). * Tod Ludwigs VIII. rechts daneben: die Krönung Ludwigs IX. im Hintergrund: die Belagerung von Avignon (Jean Fouquet). 29. November: Ludwig IX. wird mit 12 Jahren in Reims durch den Bischof von Soissons, Jacques de Bazoches, zum König gesalbt und gekrönt. Auf eine traditionelle Weihe durch den Erzbischof von Reims muss verzichtet werden, da seit dem Tod des Erzbischofs Guillaume de Joinville drei Wochen zuvor dieses Kirchenamt noch vakant ist. Die Regentschaft übernimmt Ludwigs Mutter Blanka von Kastilien, allerdings formiert sich eine starke Adelsopposition unter der Führung von Peter Mauclerc, Hugo X. von Lusignan und Graf Theobald IV. von Champagne, die der Krönung Ludwigs demonstrativ fernbleiben. * Raimund von Toulouse erobert unter anderem Auterive und gewinnt Roger Bernard II. von Foix als Bundesgenossen. Dagegen erneuert der Erzbischof von Narbonne, Pierre Amiel, seine Exkommunizierung und Enteignung wie auch die seiner Verbündeten. * Portugal unter König Sancho II. erleidet während der Reconquista gegen die Taifa-Königreiche in al-Andalus einen Rückschlag mit der Niederlage in der Schlacht bei Elvas gegen die Mauren. Er muss die Belagerung der von den Almohaden gehaltenen Stadt abbrechen. * Znaim wird rund 80 Jahre nach seiner Zerstörung neu gegründet und vom böhmischen König Ottokar I. Přemysl zur Königsstadt erhoben. * Die Klickmühle bei Hannover wird erstmals urkundlich erwähnt. * Die Burg Hohenstein im Elsass wird erstmals urkundlich erwähnt. * Der Bau von Burg Lahneck beginnt. * 29. Dezember: Der Braunschweiger Dom wird nach 53-jähriger Bauzeit geweiht. * Geburt der Gertrud von Babenberg, Herzogin von Mödling, Titularherzogin von Österreich und der Steiermark und Markgräfin von Baden († 1288). * Geburt der Maria von Brabant, Herzogin von Bayern und Pfalzgräfin bei Rhein († 1256. ## 1276 – vor 750 Jahren Das Jahr **1276** ist das bislang einzige Vierpäpstejahr der Geschichte. Nach dem Tod von Gregor X. folgen ihm Innozenz V., Hadrian V. und schließlich Johannes XXI. auf den Thron Petri. * 10. Januar: Tod von Papst Gregor X. (* 1210). * Im Süden Böhmens bricht ein Adelsaufstand der Witigonen unter Boresch II. von Riesenburg und Zawisch von Falkenstein gegen König Ottokar II. Přemysl aus, der durch die im Vorjahr gegen ihn verhängte Reichsacht geschwächt ist. * Auf den norwegischen Thingversammlungen wird das Bylov (Stadtrecht) verabschiedet. * 9. März: Durch ein Privileg von König Rudolf von Habsburg erhält Augsburg die Befugnis des Stadtrechts und wird damit Freie Reichsstadt. * In Wien brechen innerhalb kurzer Zeit gleich dreimal – am 28. März, 16. April und 30. April – Feuersbrünste aus, die insgesamt rund zwei Drittel der Stadt zerstören. * 22. Juni: Tod von Innozenz V., Papst (* 1225). * Ratingen und Warstein erhalten die Stadtrechte. * Kaiserslautern und Germersheim werden Freie Reichsstadt. * Der Deutsche Orden gründet die Ordensburg Marienburg. * Papierherstellung kommt nach Italien: In Fabriano geht eine der frühesten Papiermühlen im Abendland in Betrieb. * Unter dem machtlosen König Ladislaus IV. wütet ein Bürgerkrieg in Ungarn zwischen den Adelsfamilien der Csák und der Kőszegi: Péter Csák zerstört mit seinen Truppen die Stadt Veszprém. * 27. Juli: Jakob I., König von Aragón (* 1208). * Jaume II. ruft das Königreich Mallorca aus. Dieses erhält die Hoheit über Montpellier. * 18. August: Tod von Hadrian V., Papst (* um 1205). * 19. September: Die Feldzüge Rudolfs I. gegen Ottokar II. Přemysl beginnen: Steiermärkische und Kärntner Adelige leisten im Stift Rein bei Graz den Reiner Schwur, mit dem sie Rudolf von Habsburg Treue schwören. Ottokar II. von Böhmen verliert damit die Herrschaft über die Steiermark und Kärnten. * Auf die Belagerung Wiens zwischen dem 18. Oktober und 25. November durch Rudolf von Habsburg folgt die Kapitulation der Stadt. Ottokar verliert auch die Herrschaft über Österreich. * Hochgotische Westfassade des Straßburger Münsters mit reicher Plastik der Portale und großer Fensterrose (13,5 m). Der Anteil von Dombaumeister Erwin von Steinbach daran ist umstritten. * Raimundus Lullus gründet die Missionsschule von Miramar auf Mallorca, an der christlichen Predigern Arabisch gelehrt wird, um die arabische Welt zu missionieren. * Siger von Brabant, erster und führender Vertreter des sogenannten lateinischen Averroismus, wird wegen Häresie angeklagt und verliert sein Lehramt an der Artistenfakultät der Universität Paris. * November: König Edward I. von England erklärt seinen Vasallen Llywelyn ap Gruffydd, den Fürsten von Wales und Gwynedd, zum Rebellen. Er bereitet einen Feldzug gegen Llywelyn im nächsten Jahr vor. * In den von Alfons X. von Kastilien initiierten _Libros del saber de astronomía_ (/1277) (Alfonsinische Tafeln) beschäftigen sich einige Bücher (‚Kapitel‘) mit der Konstruktion von Uhren wie der mit Astrolabzifferblatt (s. Astrolabium), die durch kreisförmig auf einer Welle angeordnete Quecksilberkammern reguliert worden sein soll. * Geburtsjahr von Rudolf II., Graf von Herrenberg († 1316). * Wahrscheinliches Geburtsjahr von William Latimer, 2. Baron Latimer, englischer Adliger, Militär und Verwalter († 1327). ## 1326 – vor 700 Jahren * 18. Januar: Tod des Robert Fitzwalter, englischer Adeliger und Militär (* 1247). * 19. Januar: Tod des Roger Beler, englischer Ritter, königlicher Richter und Beamter. * 28. Februar: Tod von Leopold I. von Habsburg, Herzog von Österreich und der Steiermark (* 1290). * 3. März: Ein _Friede der Heringe_ genannter Vertrag beendet den mehrere Monate währenden Krieg der vier Herren im Herzogtum Lothringen. * 5. März: Geburt von Ludwig I., König von Ungarn und Polen († 1382). * 26. März: Tod von Alessandra Giliani, Italienerin, die angeblich als erste Frau als Anatomin oder Pathologin gearbeitet hat (* 1307). * 6. April: Orhan, der Sohn des Sultans Osman I., erobert die kleinasiatische Stadt Bursa. Sie wird ab diesem Zeitpunkt zur Hauptstadt des Osmanischen Reichs. * April: Tod der Blanka von Burgund, Königin von Frankreich und Navarra (* 1295). * 8. Mai: geburt von Johanna I., Königin von Frankreich († 1360). * Halberstadt, Quedlinburg und Aschersleben gründen den Halberstädter Dreistädtebund. * König Karl I. von Ungarn gründet den Sankt-Georg-Ritterorden zur Festigung seiner Macht. * An der University of Cambridge wird Clare College als zweites College nach Peterhouse gegründet. * In Geseke werden erstmals Schnadbäume erwähnt. * Frühsommer: Heinrich II. von Virneburg, Erzbischof von Köln, eröffnet den Prozess gegen Meister Eckhart. * Der Metropolit von Kiew, Peter, verlegt seinen Sitz nach Moskau. Durch seine Entscheidung, den Sitz des Oberhauptes der russischen Kirche nach Moskau zu verlegen, hat er entscheidenden Anteil an der politischen Aufwertung dieses ursprünglich unbedeutenden Fürstensitzes im Nordosten. * König Christoph II. von Dänemark wird von einer Koalition von aufständischen Adeligen unter der Führung des Holsteiner Grafen Gerhard III. aus dem Haus der Schauenburger besiegt und flieht außer Landes. Gerhard erhebt seinen zwölfjährigen Neffen Waldemar III., den Sohn des Herzogs Erich II. von Schleswig zum dänischen König. Am 15. August lässt er sich dafür von diesem mit dem Herzogtum Schleswig belehnen. Schleswig und Holstein sind damit erstmals unter einem Herrscher vereinigt. * Der Rügische Erbfolgekrieg, eine Auseinandersetzung zwischen dem Herzogtum Pommern und dem Herzogtum Mecklenburg um die Nachfolge im Fürstentum Rügen nach dem Tod Wizlaws III., des letzten Fürsten von Rügen, beginnt. * 15. September: Gebirt der Yolande von Flandern, Regentin der Grafschaft Bar († 1395). * Isabelle setzt mit ihrer Flotte nach England über; Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert. 24. September: Die englische Königin Isabelle landet mit einem kleinen Heer in Südostengland, um die Günstlingsherrschaft der Despensers, der Günstlinge ihres Mannes König Eduard II. zu beenden. Die Herrschaft des Königs bricht rasch zusammen, und der König flieht mit den Despensers nach Westen. * 26. September: Eckhart verteidigt sich mit seiner _Responsio_ vor den Kommissaren des Inquisitionsgerichts. * 15. Oktober: Tod des Walter Stapeldon, englischer Geistlicher, Diplomat und Minister, Bischof von Exeter (* vor 1265). * 16. November: Der englische König Edward II. wird in Südwales gefangen genommen, nachdem seine Herrschaft nach der Invasion eines Heeres unter Führung seiner Frau Isabelle de France und ihres Geliebten Roger Mortimer, 1. Earl of March zusammengebrochen ist. * 24. November: Hugh le Despenser der Jüngere, Günstling von Eduard II. von England (* 1286), stirbt. * Vermutlich im November erfolgt der bis heute nicht restlos aufgeklärte Raub des Schatzes von König Eduard II. * 20. Dezember: Peter, Metropolit von Kiew und der ganzen Rus (* ca. 1260), der den Metropolsitz nach Moskau verlegt hatte, stirbt. * Die erste Ordensgeschichte der Franziskaner, _Historia septem tribulationum_ des Angelus Clarenus, entsteht. * Seegfrörni: Der Bodensee ist komplett zugefroren. * Geburtsjahr der Beatrix von Sizilien-Aragon, Pfalzgräfin bei Rhein († 1365). * Geburtsahr von Charles de la Cerda, Connétable von Frankreich und Graf von Angoulême († 1354). * Todesjahr von Mondino dei Luzzi, italienischer Anatom und Professor der Medizin (* um 1275), und von Wilhelm von Brescia, italienischer Mediziner und Professor (* 1250). ## 1426 – vor 600 Jahren * Standbild Jakobäas im niederländischen Woudrichem. 13. Januar: In der Schlacht von Brouwershaven im Haken-und-Kabeljau-Krieg besiegt Herzog Philipp der Gute von Burgund das von ihrem Gatten Humphrey, Duke of Gloucester, unterstützte Heer der Jakobäa von Bayern entscheidend. Die verheerende Niederlage bedeutete das Ende von Jakobäas Kampf. * 3. Februar: Pfalzgraf Johann I. von Neumarkt und seine Gattin Katharina gründen das Kloster Gnadenberg im Bistum Eichstätt. * Februar: König Sigismund beruft einen Reichstag nach Wien ein. * Februar: Geburt von Christian I., König von Dänemark, Norwegen und Schweden († 1481). * 12. März: Tod der Katharina von Pommern-Stolp, Gräfin von Pfalz-Neumarkt, Schwester von Erik VII. und Mutter von Christoph III., beide Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden (* 1384). * ab März: Mehrere Heerhaufen der Hussiten dringen während der Hussitenkriege ins Weinviertel vor. * 26. April: Geburt der Margarethe von Rodemachern, deutsche Adelige und Büchersammlerin († 1490). * Frühjahr: Hussiten fallen in Mähren ein und dringen bis Böhmen vor. * Mai: Der Reichstag in Nürnberg ist ebenso schlecht besucht wie der in Wien. * 26. Mai: Die ersten Einheiten der Hussiten treffen vor Aussig ein. In den darauffolgenden Wochen wird die zur Mark Meißen gehörende Stadt belagert und von der Außenwelt abgeschnitten. Zwar gibt es auf der Seite der Hussiten keinen Oberbefehlshaber, es ist jedoch davon auszugehen, dass die Gruppen von einem Ältestenrat koordiniert werden, dem auch der Taborit Andreas Prokop angehört. Die Stadt wird täglich beschossen, die Bevölkerung unter Jakob von Wresowitz leistet jedoch erbitterten Widerstand, da sie auf Entsatz hofft, der schließlich, organisiert von Markgräfin Katharina aus Truppen der Markgrafschaft Meißen, dem Herzogtum Sachsen, der Landgrafschaft Thüringen und der Oberlausitz am 11. Juni Richtung Böhmen marschiert. Das angeblich 36.000 Mann starke Entsatzheer teilt sich in mehrere Gruppen auf. Die eine kommt über den Janauer Weg bei Brüx, die zweite überschreitet die Grenze bei Ossegg, der dritte Strom kommt über Graupen und Teplitz. * 15. Juni: Am frühen Abend kommt die sächsische Armee ausgehungert und übermüdet bei Karbitz an, wo sie auf vorgezogene Posten der Hussiten trifft. Diese postieren sich auf der Anhöhe _Na Běhání_ etwa zehn Kilometer vor Aussig, auf der sie eine Wagenburg aufbauen. Der Proviantmangel zwingt den Meißner Befehlshaber zu einem sofortigen Angriff bereits am nächsten Tag, einem Sonntag. * 16. Juni: Die Hussiten besiegen in der Schlacht bei Aussig das ausgehungerte und übermüdete sächsisch-thüringische Entsatzheer vernichtend, wobei tausende Kämpfer fallen. Viele Deutsche geraten nach der Schlacht in Gefangenschaft und auch, als anschließend die belagerte Stadt fällt. Deren Bewohner flüchten vor einem Massaker der Eroberer unter ihrem Anführer Andreas Prokop. * 17. Juni: Die Vertreter mehrerer Harden in Nordfriesland, die sich durch den jahrzehntelangen Streit zwischen den Schauenburger Fürsten und Dänemark um das Herzogtum Schleswig in ihrer Eigenständigkeit bedroht sehen, versammeln sich in der Kirche St. Nicolai auf Föhr in Boldixum für eine gemeinsame Vorgangsweise. In der daraus entstehenden _Siebenhardenbeliebung_ wird das nordfriesische Recht erstmals aufgezeichnet. Sie wird von den Vertretern von Pellwormharde, Beltringharde, Wrykesharde, Osterland Föhr, Sylt, Horsbüllharde und Bökingharde beschlossen. Ohne Mitwirkungsrechte nehmen an der Versammlung überdies Abgesandte aus der Lundenbergharde und der Edomsharde teil. Im gleichen Jahr entsteht auch die _Krone der rechten Wahrheit_ , eine Beliebung, in der Rechtsnormen für das friesische Dreilande aufgezeichnet sind. * 4. Juli: Geburt von Ulrich Rösch, Abt des Klosters St. Gallen († 1491). * Juli: Hildebrand Veckinchusen, hansischer Kaufmann (* um 1370), stirbt. * 4. September: Geburt von Wolfgang III. Kämmerer von Worms, Hofmarschall († 1476). * 18. September: Hubert van Eyck, flämischer Maler (* um 1370), gestorben. * Die Schlacht von Detern am 27. September ist der Auftakt der Ostfriesischen Befreiungskriege gegen die Herrschaft der tom Brok über Ostfriesland. In der Schlacht besiegt ein bäuerlich ostfriesisches Heer unter Focko Ukena die von Ocko II. tom Brok zur Hilfe gerufenen Oldenburger, den Erzbischof von Bremen und die Grafen von Hoya, Diepholz und Tecklenburg mit ihrem bremisch-oldenburgischen Ritterheer vernichtend. Die Grafen Johann von Rietberg und Konrad von Diepholz fallen und der Erzbischof von Bremen gerät in Gefangenschaft. * Der spätere Markgraf Jakob I. von Baden lässt am Fremersberg das Kloster Fremersberg errichten (1826 aufgegeben). * Die Herzöge von Teck stiften das Heilig-Geist-Spital in Mindelheim. * Geburtsjahr von Jean II. de Bourbon, Herzog von Bourbon und Auvergne († 1488). * Geburtsjahr von James Douglas, schottischer Adliger, 9. Earl of Douglas († 1491). * Geburtsjahr des Wilhelm von Reichenau, Fürstbischof von Eichstätt († 1496). * Geburtsjahr der Costanza Varano, italienische Humanistin, Gelehrte und Schriftstellerin († 1447). * 31. Dezember: Tod von Thomas Beaufort, 1. Duke of Exeter und Lordkanzler von England (* 1377). ## 1526 – vor 500 Jahren Im Jahr 1526 neigt sich der Deutsche Bauernkrieg seinem Ende zu. Nur noch in Salzburg und Tirol gibt es nennenswerte Aufstände und auch diese werden bis zum Sommer niedergeschlagen. * 14. Januar: König Karl V. und der gefangene französische König Franz I. schließen knapp ein Jahr nach der Schlacht bei Pavia den Frieden von Madrid. Der französische König verzichtet darin auf Neapel und Mailand und sichert die Rückgabe Burgunds zu. Nach seiner Freilassung bricht er den Vertrag. * 21. Januar: Tod der Apollonia von Wiedebach, sächsische Adlige und Stifterin (* 1470). * Januar: Zwischen dem Fürststift Kempten und seinen Untertanen wird der Memminger Vertrag geschlossen, der den Bauern vom weltlich-geistlich regierten Fürststift gewisse Rechte gewährt. Der größte Vorzug für die Bauern ist dabei das Ende der willkürlichen Steuer- und Gebührenentscheide des Fürstabts. * 31. Januar: Tod der Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino (* 1471). * 27. Februar: Als Reaktion auf den Dessauer Bund mehrerer katholischer Fürsten schließen Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen in Gotha ein Verteidigungsbündnis, dem sich im Sommer eine Reihe weiterer Fürsten anschließen, darunter die Herzöge von Preußen, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Güstrow sowie Braunschweig-Lüneburg und Braunschweig-Grubenhagen (Torgauer Bund). * 4. März: Hans Judenkönig, österreichischer Lautenspieler (* um 1450), stirbt. * 10. März: Der deutsche König Karl V., zugleich als Carlos I. König von Spanien, heiratet in Sevilla Isabella von Portugal, die Schwester des portugiesischen Königs Johann III. Der Hochzeit sind jahrelange Verhandlungen über kolonialpolitische Streitigkeiten und über die Höhe der Mitgift vorausgegangen. Wegen des engen Verwandtschaftsverhältnisses der beiden benötigen sie einen Dispens, den Papst Clemens VII. erteilt. Obwohl die Heirat des Kaiserpaars rein politisch motiviert ist, verlieben sich die Eheleute rasch ineinander und führen eine äußerst glückliche Ehe. Im Sommer übersiedelt das Paar nach Granada und logiert bis Jahresende in der Alhambra. Der Kaiser wird deshalb sogar von Mitgliedern des Staatsrates gerügt, seine Flitterwochen nicht zu lange auszudehnen. * April: Nachdem das Königreich Ungarn Tributzahlungen verweigert hat, marschiert ein osmanisches Heer von angeblich 50.000 bis 60.000 Mann unter Sultan Süleyman I. von Belgrad aus Richtung Buda. * 20. April: Geburt von Ulrich Fugger, deutscher Humanist († 1584). * 26. April: Geburt von Matthias Stoius, deutscher Mathematiker und Mediziner († 1583). * 9. Mai: In seinem Entwurf einer neuen Tiroler Landesordnung konzipiert der Bauernführer Michael Gaismair einen egalitären, christlich-demokratischen Knappen- und Bauernstaat. Er sammelt im Anschluss Getreue um sich und unterstützt den Bauernaufstand in Salzburg. * 22. Mai: Die Liga von Cognac gegen Kaiser Karl V. wird gebildet, deren Hauptbeteiligte der französische König Franz I. und Papst Clemens VII. sind. Wenig später beginnt der zweite Krieg zwischen Franz I. und Karl V. Die Truppen der Liga marschieren unter der Führung des Herzogs von Urbino Francesco Maria I. della Rovere im Herzogtum Mailand ein. Die kaiserlichen Truppen in der Lombardei befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einer militärisch schwachen Position: sie sind zahlenmäßig nicht stark, der Sold steht seit langem aus und bei der einheimischen Bevölkerung sind sie verhasst. Georg von Frundsberg, der Sieger von Pavia, sammelt daraufhin in kaiserlichem Auftrag ein Landsknechtheer und zieht mit 20.000 Mann gegen die päpstlichen Truppen, die er am Jahresende bei Brescia schlägt. * 31. Mai: Cord Broyhan erfindet in Hannover das _Broyhan-Bier_. Dieses hellbraune, obergärige Bier wird rasch zu einem Exportschlager der Stadt, der ihr eine wirtschaftliche Blüte beschert. * Mai/Juni: Während er Radstadt belagert, schlägt Michael Gaismair erfolgreiche Gefechte gegen heranrückende Heere. * 8. Juni: Die am 19. Mai begonnene Badener Disputation in der Schweiz geht zu Ende. Die katholische Seite mit ihrem Wortführer Johannes Eck setzt sich gegenüber reformatorischen Argumenten, die Johannes Oekolampad und Berchtold Haller als Vertreter Ulrich Zwinglis vorbringen, durch. Neun Stände der Tagsatzung entscheiden sich für den alten, vier für den neuen Glauben. * 12. Juni: Dem Torgauer Bund treten mit dem Magdeburger Vertrag weitere norddeutsche Fürsten protestantischen Glaubens bei, was den politischen Einfluss der Vereinigung in der Zeit der Reformation stärkt. * 25. Juni: Der Bundstag der Drei Bünde beschließt die zweiten _Ilanzer Artikel_. * 1. Juli: Die Pinzgauer Aufständischen erleiden bei Zell am See eine Niederlage gegen die Truppen des Schwäbischen Bundes. * 2. Juli: Michael Gaismair und sein Bauernheer erleiden in der Schlacht bei Radstadt eine vernichtende Niederlage. Damit endet der Bauernkrieg in Tirol. Gaismair entkommt über die Alpen nach Venetien. * 31. Juli: Geburt von August I., Kurfürst von Sachsen († 1586). * 27. August: Der Reichstag zu Speyer beschließt in der Religionsfrage den Reichsständen zu erlauben, _für sich also zu leben, zu regieren und zu halten, wie ein jeder solches gegen Gott, und Käyserl. Majestät hoffet und vertraut zu verantworten._ Damit ist das Wormser Edikt faktisch aufgehoben; eine endgültige Entscheidung wird einem noch einzuberufenden Nationalkonzil vorbehalten. * Schlacht bei Mohács, zeitgen. Darst. aus der osmanischen Bilderhandschrift Hünername. 29. August: Die Türken unter Süleyman dem Prächtigen siegen in der Schlacht bei Mohács über die Ungarn. Ludwig II., König von Ungarn und Böhmen, ertrinkt auf der Flucht. * 10. September: Die Osmanen erobern Buda. Am 25. September wird Pest in Brand gesteckt. Danach rückt das osmanische Heer über Belgrad wieder ab. Nur in den Grenzfestungen liegen noch osmanische Truppen. * 26. September: Geburt von Wolfgang, Pfalzgraf und Herzog von Pfalz-Zweibrücken sowie Herzog von Pfalz-Neuburg († 1569). * 16. Oktober: Ludwigs Onkel Johann Zápolya wird in Tokaj von einer Mehrheitsvertretung des niederen und mittleren weltlichen Adels und der hohen Geistlichkeit zum König von Ungarn gewählt. Seine Wahl wird von einer weiteren Versammlung in Stuhlweißenburg am 10. November bestätigt und er wird am folgenden Tag als Johann I. mit der Stephanskrone gekrönt. * 19. Oktober: Beginn der von Landgraf Philipp von Hessen einberufenen Homberger Synode; sie beschließt die Einführung einer evangelischen Landeskirchenordnung für die Landgrafschaft. Die hessischen Klöster werden säkularisiert, die Predigt nach lutherischer Lehre vorgeschrieben; erstmals werden auch Kirchenbücher angelegt. * 16. Dezember: Ludwigs Schwager Ferdinand I. aus dem Haus Habsburg, der am 22. Oktober von einer Ständeversammlung bereits zum König von Böhmen gewählt wurde, wird von den Ständen in Preßburg zum König von Ungarn gewählt. Zu den wenigen ungarischen Unterstützern Ferdinands zählen prominente hohe Adelige, vor allem aus Westungarn. Im folgenden Jahr kommt es zum Bürgerkrieg in Ungarn. * Philipp Melanchthon gründet in Nürnberg das erste Gymnasium, das später nach ihm benannte Melanchthon-Gymnasium Nürnberg. * Die Firma Beretta wird das erste Mal urkundlich erwähnt, als der lombardische Büchsenmacher Bartolomeo Beretta einen großen Auftrag über Arkebusenläufe für das städtische Arsenal von Venedig erhält. * Albrecht Dürer vollendet die beiden zusammenhängenden Gemälde _Die vier Apostel_ , sein letztes großes malerisches Werk. * Albrecht Altdorfer malt in Öl auf Holz das Bild _Susanna und die beiden Alten_. Susanna und die beiden Alten. * Der nicht fertiggestellte _Triumphzug Kaiser Maximilians_ wird erstmals gedruckt. An der Serie aus Einzelblättern waren viele Künstler (darunter Albrecht Altdorfer, Hans Burgkmair d. Ä., Leonhard Beck, Hans Schäufelin, Albrecht Dürer, Hans Springinklee) beschäftigt, die sich im Großen und Ganzen an die Miniaturvorlagen von Jörg Kölderer zu halten hatten. Beim Tod Kaiser Maximilians 1519 wurden die Arbeiten beiseite gelegt. Die schwarzen Spruchbänder bezeugen die Unvollständigkeit des Werkes.
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January 3, 2026 at 6:49 AM
Personenbezogenes Archivgut in Leipzig
© Margit Rambow Inhaltsverzeichnis * Das Stadtarchiv Leipzig informiert: * Digitalisierte Verzeichnisse * Die Namensverzeichnisse * Die Zettelrepertorien * Namensverzeichnisse (alphabetisches Register) zu den Personenstandsbüchern * Übersicht der Zuständigkeiten der Leipziger Standesämter * Weitere Archivalien im Stadtarchiv ## Das Stadtarchiv Leipzig informiert: In Leipzig gab es zeitweilig 14 Standesämter, die jeweils eigene Geburten-, Ehe- und Sterberegister führten. In den ehemals selbstständigen Gemeinden, welche später nach Leipzig eingemeindet wurden, bestanden ebenfalls eigene Standesämter. Das Stadtarchiv ist auf der Grundlage der Archivsatzung für Auskünfte aus den folgenden Registern zuständig. ### Digitalisierte Verzeichnisse Für wenige Zeitabschnitte erfolgte eine namentliche Erfassung von Personen in alphabetischen Registern. Sollten Ihnen die für eine Anfrage erforderlichen Angaben nicht bekannt sein, haben Sie die Möglichkeit, in den sogenannten Namensverzeichnissen und Zettelrepertorien der Standesämter der Stadt Leipzig und ihrer Vororte nach diesen Informationen zu recherchieren. #### Die **Namensverzeichnisse** liegen für jedes Standesamt jahrgangsweise vor und sind alphabetisch nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens aufgebaut. Innerhalb des Buchstabens sind die Personenstandsfälle nach Datum sortiert. Die komplette Durchsicht eines Jahrgangs ist erforderlich, wenn das konkrete Datum des Personenstandfalles nicht bekannt ist. Schuhmachermeister Johann Friedrich Rambo (hier Rampo) *1820- 1892 in Reudnitz #### Die **Zettelrepertorien** * Kriegssterbefälle 1914-1918 * Leipzig 1876-1885 * Leipzig 1886-1895 * Leipzig 1896-1905 * Vororte 1876-1895 **(das sind überaus bedeutende Verzeichnisse)** der Leipziger Standesämter und der bis 1891 eingemeindeten Vororte sind für den Zeitraum 1876 bis 1905 standesamtsübergreifend alphabetisch nach den Nachnamen sortiert. Dem jeweiligen Eintrag für die gesuchte Person können Sie das Datum und die Art des Personenstandfalls (Geburt, Ehe oder Heirat), das zuständige Standesamt sowie die Registernummer entnehmen. **Bitte fügen Sie diese Informationen unbedingt Ihrer Anfrage an das Stadtarchiv imServiceportal Amt24 bei.** #### Namensverzeichnisse (alphabetisches Register) zu den Personenstandsbüchern Beispiel: Anna Paula Rambow in Neuschönefeld Über die folgenden Verlinkungen gelangen Sie zu den **Digitalisaten** der Personenstandsregister im **Rechercheportal.** * Geburten * Eheschließungen * Sterbefälle #### Übersicht der Zuständigkeiten der Leipziger Standesämter Um überhaupt systematisch recherchieren zu können bedarf es zuerst einer genauen Information unter welchem der vielen Standesämter in Leipzig und den Vororten man gezielt suchen muss. Zuordnung der Vororte und Gemeinden zu den Standesämtern findet ihr auf der Stadtarchiv-Seite Die Leipziger Genealogische Gesellschaft e.V. hat eine komplette Liste erstellt, die als *pdf Datei angeboten wird. ##### Weitere Archivalien im Stadtarchiv findet ihr über den Menüpunkt Tektonikbaum : zum Beispiel Städtische Körperschaften, Nichtkommunales Archivgut, Archivische Sammlungen, Bibliothek * Zum Teilen auf Mastodon klicken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Mastodon * Klick, um auf Tumblr zu teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Tumblr * Klicken, um auf Threads zu teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Threads * Zum Teilen auf Nextdoor hier klicken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Nextdoor * Klick, um auf Reddit zu teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Reddit * Klicken, um auf Bluesky zu teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Bluesky * ### _Ähnliche Beiträge_ __ __ __ __ __ __
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January 3, 2026 at 6:36 AM