Die vergessenen Künstlerinnen der geometrischen Abstraktion
In ihrer vorwöchigen Falter-Kolumne wies Doris Knecht darauf hin, dass das Burgtheater in der nächsten Saison nur einziges von einer Frau verfasstes Stück an ihren Hauptspielstätten aufführt. Eine Zumutung. Besonders für Abonnentinnen, wie ich eine bin. Was ist das für ein Rückschritt? Auch in der bildenden Kunst liegt so manches im Argen. Aber: Viele Häuser machen tolle Ausstellungen über Künstlerinnen, arbeiten die unterbelichtete Hälfte der Kunstgeschichte auf. Da ich nicht quer durch die Weltgeschichte jetten kann, um all das zu besichtigen, lege ich eine Sammlung von Ausstellungskatalogen an. Einer davon ist kürzlich in mein Postfach geflattert (oder besser: gedonnert, denn er ist ein ziemlicher Ziegel). „Wir werden bis zur Sonne gehen. Pionierinnen der geometrischen Abstraktion“ heißt er, herausgegeben von Astrid Ihle, Julia Nebenführ und René Zechlin. Er begleitet die kürzlich zu Ende gegangene Ausstellung im Wilhelm Hack Museum in Ludwigshafen.
Cover, „Wir werden bis zur Sonne gehen“ (hg.: Astrid Ihle, Julia Nebenführ und René Zechlin)
Einer der ersten Beiträge, die ich für meinen Blog geschrieben habe, drehte sich um eine tolle Schau geometrisch-abstrakter Künstlerinnen, damals in der Galerie Steinek; ein anderer, vor genau einem Jahr, um die großartige Verena Loewensberg. Die Künstlerin Elisa Alberti, für die ich kürzlich einen Katalogtext schreiben durfte, ist gerade im Kunstmuseum Ahlen in der Ausstellung „Konkrete Frauen. Neue Räume“ vertreten (läuft noch bis 15. Juni, falls wer in der Gegend ist). Und trotz allem, googelt mal „geometrische Abstraktion“! Eben.
## „Wir werden bis zur Sonne gehen“
Die Publikation (ich liebe schon den Titel, er zitiert einen Tagebucheintrag Sonia Delaunays) ist mehrfach verdienstvoll: Erstens stellt sie bedeutende Positionen der geometrischen Abstraktion zusammen und bietet tiefere Einsichten in deren Kunst: Anni Albers, Alexandra Exter, Vera Molnàr, Sophie Taeuber-Arp, Sonia Delaunay, Carmen Herrera, Helga Philipp zum Beispiel. Und zweitens begibt sie sich auf eine grundsätzlichere Ebene, begnügt sich nicht mit der reinen Ansammlung von Kunstwerken, sondern reflektiert geschlechtsspezifische Diskriminierungen in der kunsthistorischen Rezeption. Diese wissenschaftlich-analytische Vertiefung kann das Medium Buch noch besser leisten als die Ausstellung, die ich sehr gern gesehen hätte.
Margarita Azurdia, Sin título, ca. 1967–1970, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid Dauerleihgabe von Fundación Museo Reina Sofía, 2022, Foto: Photographic Archives Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, © Milagro de Amor S. A. / Depósito indefinido de la Fundación Museo Reina Sofía, 2022 / Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia
## Erschreckendes Ausmaß
Wie sehr die Kunstgeschichtsschreibung Abstraktion von Künstlerinnen ignorierte, arbeitet schon der erste Essay nachdrücklich heraus. Julia Voss, die mit ihrer Biografie Hilma af Klint neu und ihren Verdiensten gemäß positionierte, bringt es darin auf den Punkt: „Das Ausmaß, in dem die Abstraktion um entscheidende Beiträge von Künstlerinnen bereinigt wurde, ist bekanntermaßen erschreckend. Der Kanon ist längste Zeit ein Projekt der Ausgrenzung gewesen, in dem nicht nur die Frauen aus der Vergangenheit gestrichen wurden, sondern auch die lebensweltlichen Bezüge der Kunst.“ Ihr Essay („Weibliche Abstraktion: Die letzten 900 Jahre“) bietet überraschende Erkenntnisse: So erzählt sie über die Wäscherin Wilhelmine Assmann, die schon 1905 in Trance abstrakte Kompositionen malte. Oder über die Schriftstellerin Camilla Newton Crosland, die eines ihrer Bilder mit ungegenständlichen Kompositionen, geschaffen von spiritistischen Medien, bebilderte. So skeptisch ich allem Übersinnlichen und Esoterischen gegenüberstehe: Ist doch interessant, oder? Auch Hilma af Klint kommt aus diesem Kontext.
Vera Molnar, Ohne Titel, 1945/50, Gouache, 49 x 63,5 cm, Sammlung Stadler, Munich, Foto: Linde Hollinger, Ladenburg, © VG Bild-Kunst Bonn, 2024
## Männliches Prinzip ist überlegen
Neue Einsichten verdanke ich auch María Lluïsa Faxedas. Sie schildert in ihrem Beitrag, wie die abstrakte Kunst von Frauen von der männlich dominierten, aber auch von der feministischen Kunstgeschichte und -theorie unterbewertet wurde. Piet Mondrian und Michel Seuphor brachten etwa in ihren Texten „männliche“ und „weibliche“ Prinzipien gegeneinander in Stellung, wobei für sie klarerweise ersteres überlegen schien. „Diese Auffassung erstreckte sich auch auf ihre Beziehungen zu den Künstlerinnen, die Mitglieder von abstrakt ausgerichteten Gruppen wie Cercle et Carré oder Abstraction-Création waren“, so Faxedas. Frühe feministische Strömungen hätten dieses binäre Denken übernommen, was sie mit einem Zitat Judy Chicagos belegt. Feministische Künstlerinnen verlegten sich bekanntlich auf Medien wie Performance und Video, befassten sich „mit Fragen und Themen wie dem Körperlichen und dem Ornamentalen, die der Modernismus vernachlässigt hatte“. Damit, so Faxedas‘ Fazit, „schrieben sie jedoch implizit jenen reduktionistischen formalistischen Diskurs fort, den sie eigentlich ablehnten, und akzeptierten weiterhin eine oftmals falsche Dualität zwischen dem Abstrakten und dem Figurativen.“
Lou Loeber, Stillleven-Schrijftafel, 1930, Kunstmuseum Reutlingen | konkret, Sammlung Kerp, Foto: B. Strauss, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Das mag einen wahren Kern haben, doch ich finde es etwas hart, wenn das eine Nachgeborene formuliert. Kann man einer feministischen Künstlerin der 1970er-Jahre vorwerfen, dass sie Themen wie körperliche Zwänge, die Unterdrückung weiblicher Stimmen und unterbezahlte Care-Arbeit auf sehr direkte Art und mit den neuesten künstlerischen Medien ansprach – anstatt geometrisch zu malen? Wobei, vielleicht gibt es auch feministische Formulierungen in der geometrischen Abstraktion. Falls jemand da draußen etwas dergleichen bekannt ist: bitte um Nachricht.
## Den Blick weiten
Ein weiteres Verdienst der Publikation liegt darin, dass sie mit einem Text über abstrakte Künstlerinnen in Lateinamerika (verfasst von Andrea Giunta) den eurozentristischen Blick weitet. Deren Beiträge, so schreibt die Autorin, gerieten zweifach ins Hintertreffen, „zum einen durch das Verhältnis zu den ausländischen Kunstzentren und zum anderen durch die Dynamik der Kunst in ihren eigenen Ländern, in denen die männlichen Künstler im Mittelpunkt standen.“ So lernen wir mehr über Malerinnen und Bildhauerinnen wie Lidy Party, Loló Soldevilla, Martha Bodo, Matilde Perez und viele mehr.
María Freire, Untitled, 1953–1956, Mercedes-Benz Art Collection, Foto: Cecilia de Torres Gallery, Ltd. New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Jede Person, die sich mit Abstraktion befasst, sollte ein Exemplar von „Wir werden bis zur Sonne gehen“ im Bücherregal stehen haben. Nicht nur jene, deren Interesse den Verdiensten von Künstlerinnen gilt. Damit künftig in Ausstellungen über geometrische Abstraktion nicht das passiert, was im Burgtheater geschieht: die pure Ignoranz gegenüber weiblichem Schaffen.
## Publikation:
„Wir werden bis zur Sonne gehen. Pionierinnen der geometrischen Abstraktion“, hg. Astrid Ihle, Julia Nebenführ, René Zechlin
Deutsch / Englisch
300 Seiten, 202 Abbildungen in Farbe
24 x 29 cm, gebunden
Hirmer Verlag, ISBN: 978-3-7774-4426-0
Am besten in eurer lokalen Buchhandlung, zum Beispiel für alle Währinger:innen hier: https://hartliebs.at/category/buecher/
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